Dauerbrenner Mykoplasmenimpfung

Die Mykoplasmenimpfung bei Ferkeln ist seit fast einem Jahrzehnt nachgewiesenermaßen eine der wichtigsten Vorbeugemaßnahme gegen Atemwegserkrankungen beim Schwein. Und trotzdem wurde selten eine Impfung so kontrovers diskutiert wie die gegen den Erreger der Enzootischen Pneumonie: Mykoplasma hyopneumoniae. Woran liegt das?

Grundlagen

Fit für die Mast!
Mykoplasmen sind überall auf der Welt verbreitet. Auch in Deutschland sind sie in über 80% der Bestände vorhanden. Das lässt sich anhand von Blutuntersuchungen leicht nachweisen, denn als Indiz dafür kann man bei infizierten Tieren eine Bildung von Antikörpern feststellen. In vielen Betrieben ist sogar der Erregernachweis selbst möglich - allerdings ist dieses Verfahren etwas aufwändiger und teurer. Es stehen z.B. die Anzucht zur Verfügung und in jüngster Zeit immer häufiger die Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR), mit deren Hilfe das Erbgut dieser zellwandlosen Organismen nachgewiesen wird. Am besten funktioniert die zuletzt genannte Nachweismethode, wenn Spülflüssigkeit aus der Lunge von lebenden Tieren gewonnen wurde oder Lungengewebe von verendeten Tieren.
Übertragen werden die Mykoplasmen direkt von Tier zu Tier, z.B. von der Sau auf die Ferkel oder von Läufer zu Läufer. Besonders kritisch ist es, wenn Tiere aus unterschiedlichen Beständen in den Aufzuchtbetrieb oder in die Mast eingestallt werden.
Die Mykoplasmen gelangen über die Atemwege in die Bronchien und besiedeln dort die Flimmerhärchen. Diese haben die Aufgabe, mit ihrem Flimmerschlag Staub, Partikel und Erreger jeglicher Art aus dem Atemtrakt hinauszubefördern - eine wichtige Schutzfunktion (Abb. 1)! Durch die Besiedelung mit Mykoplasmen verklumpen diese feinen Flimmerhärchen, werden zerstört und verlieren ihre Funktion (Abb. 2). Bakterielle Sekundärerreger wie z.B. Pasteurellen und Streptokokken haben nun leichtes Spiel, setzen sich in der Lunge fest und erzeugen schwerwiegende Atemwegsinfektionen.

Abb. 1: Gesundes Flimmerepithel Abb 2: Mit Mykoplasmen befallenes Flimmerepithel

Impfprophylaxe gegen Mykoplasmen, bzw. "Enzootische Pneumonie"

Den besten Schutz gegen die negativen klinischen Auswirkungen dieser Erkrankung bietet nach wie vor die Impfung beim Ferkel in der Säugeperiode. Dabei ist die Forschung in den letzten Jahren vorangekommen und es stehen inzwischen moderne Vakzinen zur Verfügung. 4 Punkte spielen bei der Qualität eines Impfstoffes gegen Mykoplasmen eine wichtige Rolle:

1. Der Imfpstoff muß gut verträglich sein und natürlich auch leicht und schnell zu verabreichen.


2. Bei Mykoplasmenvakzinen handelt es sich immer um inaktivierte Impfstoffe. Deshalb muß der Inaktivierungsvorgang schonend vorgenommen werden, damit nicht die wichtigen Bestandteile des Imfpantigens darunter leiden. Je breiter das Antigenspektrum einer Vakzine ist, desto breiter ist auch die Antikörperreaktion des geimpften Tieres. Das garantiert für eine optimale Schutzwirkung.


3. Der Schutz muß mindestens 6 Monate anhalten - nämlich bis die Tiere fertig gemästet sind und zur Schlachtung gehen. Denn meistens treten Mykoplasmeninfektionen in der Mittel- und Endmast auf, in dieser Phase ist eine belastbare Immunität des Tieres besonders gefragt.


4. Vor allem bei den One-Shot Impfstoffen müssen die modernen Adjuvantien eine besondere Leistung vollbringen. Das 2-Phasen Adjuvans Emunade® zum Beispiel setzt - wie der Name bereits andeutet - das Imfpantigen in zwei Stufen frei. Dadurch wird das Immunsystem sofort nach der Impfung stimuliert, um rasch einen Schutz aufzubauen. Hier spielen vor allem die lokale Schleimhautimmunität in der Lunge und die zellulär vermitelte Immunität eine wichtige Rolle. Etwas verzögert wird weiterhin Impfantigen freigesetzt, um das Immunsystem über einen längeren Zeitraum anzuregen, Antikörper zu bilden. Auf diese Weise wird ein ebenso belastbarer Schutz erzielt wie bei der herkömmlichen Two-Shot Impfung.


Heutige Situation in unseren Beständen - geeignete Impfschemata

Heutzutage haben die Bestände mit einer Vielzahl von Erregern zu tun - z.B. mit dem PRRS-Virus und dem Circovirus. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass Tiere die mit PRRS Virus und Mykoplasmen oder mit Circovirus und Mykoplasmen infiziert waren, deutlich schwerere Lungenschädigungen und auch klinisch sichtbare Auswirkungen davon trugen, als Tiere die nur mit Circovirus oder nur mit PRRS Virus infiziert waren (1) (Abb. 3 a+b).
Abb 3a: Schwer veränderte Lunge von einem Tier, das mit Circovirus und Mykoplasmen infiziert war. Der lebensbotwendige Gasaustausch von Sauerstoff und Kohlendioxid ist hier nicht mehr vollständig gewährleistet. Verminderte Zunahmen sind die Folge. Abb 3b: Atemwegsinfektionen + Circovirus-infektion lassen die Tiere kümmern

Besonders in Herden, die mit "Circo" zu tun haben, ist die Beachtung des Impfschemas wichtig. In einer Studie (2) mit dem Imfpstoff M+PAC® wurden verschiedene Impfschemata im One Shot und Two Shot Verfahren durchgeführt (Tabelle 1). Die experimentelle PCV-2-Infektion erfolgte jeweils in der 8. Lebenswoche.

Tabelle 1: Studienaufbau

 Gruppe  Impfregime  Dosierung  Zeitpunkt  Infektion mit PCV2
 1  Two-shot  2 x 1 ml  2. und 4. Lebenswoche  8. Lebenswoche
 2  Two-shot  2 x 1 ml  4. und 6. Lebenswoche  8. Lebenswoche
 3  Two-shot  2 x 1 ml  6. und 8. Lebenswoche  8. Lebenswoche
 4  Two-shot  2 x 1 ml  8. und 10. Lebenswoche  8. Lebenswoche
 5  One-shot  1 x 2 ml  4. Lebenswoche  8. Lebenswoche
 6  One-shot  1 x 2 ml  8. Lebenswoche  8. Lebenswoche
 7  ---  ---  ---  8. Lebenswoche
 8  ---  ---  ---  keine Infektion

Die infizierten Tiere zeigten milde respiratiorische Symptome und die Lymphknoten waren etwas vergrößert. PMWS entwickelte kein einziges der Tiere. Bezüglich Circovirus-assoziierter Läsionen in den Organen gab es zwischen den einzelnen Versuchsgruppen deutliche Unterschiede. Am besten schnitten die Tiere ab, die 2 - 4 Wochen vor der Circovirusinfektion gegen Mykoplasmen geimpft worden waren mit einem Trend zu minimalen bis keinen Läsionen in den Organen. Da in unseren Betrieben in aller Regel PMWS erst in der Mitte, bzw. am Ende der Flatdeckphase auftritt, ist der bisherige Zeitpunkt der One Shot Mykoplasmenimpfung ca. in der 3. Lebenswoche durchaus zu befürworten. Zum einen sind Ferkel in der dritten Lebenswoche meistens stabile Tiere, die alle Maßnahmen der ersten beiden Lebenswochen wie Kastration, Eisengabe, Zähne schleifen, Schwanz kupieren, Neugeborenendurchfall usw. bereits hinter sich haben und nun fit für die Impfung sind. Zum anderen liegt zu diesem Zeitpunkt die Mykoplasmenimpfung früh genug, um nicht mit einer belastenden Circovirusinfektion, die erst im Flatdeck stattfindet, zu kollidieren.

Checkliste Zootechnische Maßnahmen

Ökonomische Faktoren

Die Betriebe müssen heute mehr denn je auf ökonomische Faktoren achten, um die Herausforderungen des Wettbewerbs für sich zu entscheiden. Entstehende Kosten, wie z.B. für eine Impfung, werden somit besonders unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet.
In zwei Betrieben wurde in einer aktuelle Studie untersucht, wie sich mit einem "One Shot" in der dritten bis vierten Lebenswoche geimpfte Tiere im Gegenzug zu ungeimpften Tieren entwickeln. Es handelt sich um geschlossene Betriebe mit 200 bis 300 Muttersauen. Die Ferkel werden mit ca. 4 Wochen abgesetzt. Als Parameter wurden sowohl die täglichen Zunahmen und nach der Schlachtung die Lungengesundheit erhoben. Vor Beginn der Studie wurden in den Beständen in Lungenspülproben Mykoplasmen nachgewiesen, so dass von einer Feldinfektion gegen Ende der Mastphase ausgegangen werden muss.
Die geimpften Tiere zeigten deutlich bessere Zunahmen (Abb. 4), was sich nach Beurteilung der Lungen auf dem Schlachthof leicht erklären ließ - die geimpften Schweine hatten um bis zu 10% gesündere Lungen (Abb. 5). Nur wenn die Lunge gut funktioniert und der Gasaustausch von Sauerstoff und Kohlendioxid gewährleistet ist, kann ein Schwein sein Futter richtig verwerten und das genetische Potential zu Wachstum und Muskelfleischansatz optimal ausschöpfen.

Die M+PAC Gruppe legte 809 g täglich zu und die Kontrollgruppe 758 g. Nach 100 Tagen Mastdauer hatte sich das zu einem Unterschied von 5,1 kg ausgewachsen. Bei einem momentanen Preis von 1,45 € pro kg Schlachtgewicht bedeutet das einen Unterschied von 7,40 € pro Tier. Damit sind der Preis und die Arbeit für die Mykoplasmenimpfung gut bezahlt.

Abb. 4: Die geimpfte Gruppe hatte signifikant bessere Zunahmen

Abb. 5: Die geimpfte Gruppe hatte über 10% gesündere Lungen

Fazit

Die Mykoplasmenimpfung nimmt nach wie vor eine Schlüsselposition in der Schweineproduktion ein - zum einen um Atemwegsinfektionen besser kontrollieren zu können. Zum anderen als handfester ökonomischer Faktor, um die Tiere gesund und damit gewinnbringend vermarkten zu können.

Literatur

(1) PCV2 and Mycoplasma hyopneumoniae coinfection model;
T Opriessnig, S Yu, XJ Meng, EL Thacker; PG Halbur;
Proceedings of the 18th IPVS Congress, Hamburg, Germany, 2004, Volume 1

(2) Effect of timing of vaccination with a comercially available bacterin on PCV-2 associated lesions;
T Opriessnig, XJ Meng, PG Halbur;
Proceedings of the 18th IPVS Congress, Hamburg, Germany, 2004, Volume 1