Morbus Crohn und Paratuberculose

Zwei Seiten einer Medaille?

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Aus dem Europäischen Institut für Lebensmittel - und Ernährungswissenschaften, Hochheim

von Dr. Manfred Stein, Gyhum; zuerst veröffentlicht in VETImpulse, 7. Jahrgang, Ausgabe 18, S. 15 - 17 vom 15. September 1998; letztes Update 5.1.2003

Am 11. August 1998 titelte die englische Daily Mail: "Crohn`s bug found in Milk"*. Untersuchungen des britischen Ministeriums für Landwirtschaft hatten in 10 von 31 Rohmilchproben und in 6 von 31 Proben von pasteurisierter Milch Mycobacterium paratuberculosis nachgewiesen. Verschiedene große britische Milchverarbeiter reagierten sofort und erhöhten sowohl die Temperatur als auch die Erhitzungsdauer bei der Pasteurisierung. Schon seit vielen Jahren und in den letzten Monaten immer drängender wird in der Fachliteratur ein unheimlicher Verdacht geäußert und mit einer Vielzahl von Fakten untermauert: Wird Morbus Crohn beim Menschen durch das Mycobacterium paratuberculosis (MAP) hervorgerufen?

* "Erreger von Morbus Crohn in Milch gefunden"

Morbus Crohn

Morbus Crohn (Synonyme: Colitis Crohn, Enteritis terminalis, Ileocolitis Crohn, Enteritis granulomatosa) äußert sich als entzündliche Veränderung des Verdauungstraktes.

Die Erkrankung ist nach ihrem Entdecker, dem amerikanischen Magen - und Darm- Spezialisten Dr. Burrill B. Crohn benannt, der das Krankheitsbild 1932 erstmals in der Fachliteratur beschrieb (3). An Morbus Crohn leiden in Deutschland nach Schätzungen 170.000 Menschen (94), in den USA sind es zwischen 400.000 und 1 Million. Jährlich kommen dort 20.000 Neuerkrankungen hinzu. Da die Erkrankung familiär gehäuft auftritt, ist eine erbliche Veranlagung anzunehmen. Der Altersgipfel wird mit 15- 40 Jahre beschrieben. In den letzten Jahrzehnten war Morbus Crohn eine Erkrankung der weißen Bevölkerung Nordeuropas und Nordamerikas. In neuerer Zeit wird die Erkrankung häufiger auch in Regionen der Welt beobachtet, in denen sie früher eher selten war (39, 40). Bei Eskimos oder Indianern ist die Erkrankung unbekannt.

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Verdauungstrakt betroffen

Die Entzündung kann sich vom Mund bis zum Anus erstrecken, sie verläuft in Schüben und spielt sich bevorzugt am Übergang von Dünndarm zu Dickdarm ab. Typisch ist die Ausbildung von Fisteln, das bedeutet, daß sich die Entzündung in winzigen Kanälen durch die Darmwand nagt und auf andere benachbarte Darmschlingen, Gewebe oder die Bauchhöhle übergreift. So entstehen Verklebungen und Konglomerate von entzündlichem Gewebe, die Probleme und Komplikationen bis hin zu Verengungen bzw. zum Darmverschluß hervorrufen können. Neben den befallenen Darmabschnitten finden sich normale Darmsegmente, die prästenotisch dilatiert sein können. Auch Fistelbildungen zur Scheide, zur äußeren Afterregion oder zur Blase sind nicht selten.

Chronisch

In den meisten Fällen ist der Verlauf chronisch - fortschreitend mit einem wechselnden Bild je nach Lokalisation der entzündlichen Veränderungen. In Schüben treten die Beschwerden vermehrt auf. Je nach Krankheitsform treten entweder nur uncharakteristische Symptome wie Abgeschlagenheit, leichte Bauchschmerzen, leichter Durchfall oder nur breiiger Stuhl auf. Die Symptome können aber auch schubartig ganz akut und massiv auftreten mit krampfartigen Schmerzen meist im rechten Unterbauch, in ca. 75% mit Durchfällen zwischen 3 und 5 mal pro Tag, aber auch bis zu 20 Stuhlentleerungen über den Tag. Der Stuhl ist meist breiig, aber ohne blutige oder eitrige Beimengungen. Gelegentlich wird Verstopfung beobachtet. Typische Symptome wie Bauchschmerzen und Diarrhöe, die auf eine chronische Darmerkrankung hinweisen, können im Einzelfall fehlen. Die Patienten beklagen dann Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit und Müdigkeit (119).

Neben der intestinalen Manifestation kommen schubabhängig systemische Krankheitserscheinungen wie Iritis, Conjunktivitis und Uveitis, aphtöse Ulcera der Lippen, Erythema nodosum, Pyoderma gangränosum und Arthritiden auftreten. Schubunabhängig werden Sakroiliitis, Nierensteine, Spondylitis, Leberszirrhose, sklerosierende Cholangitis und Pericholangitis beschrieben (4 - 11). Das Krankheitsbild ist für die Betroffenen extrem belastend und mindert ihre Lebensqualität erheblich. Sie haben ein höheres Darmkrebsrisiko (85,127). Die Mortalität liegt bei 6 % (12, 13).

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Aufwendige Therapie - hohe gesellschaftliche Folgekosten

Zur Therapie wurden und werden Cortisonpräparate und Antiphlogistica eingesetzt (45), dazu Spasmolytica und Präparate zur akuten Durchfallbehandlung. Eine chirurgische Entfernung von Darmabschnitten kommt immer nur als letzte Möglichkeit in Betracht, wenn etwa unstillbare Blutungen, ein Darmverschluß oder eine Ausweitung der Entzündung mit Durchbruch in die Bauchhöhle drohen, da die Rezidivhäufigkeit nach chirurgischer Therapie bei etwa 40 % liegt. In den letzten Jahren erwiesen sich bestimmte Antibiotika als wirksam (27, 45). Durch das Vernarben der Darmwand im Verlauf der Abheilung, kann es zu Verengungen des Darmes kommen, so daß trotzdem eine chirurgische Entfernung von Darmteilen notwendig sein wird. In den USA werden die jährlichen Aufwendungen für die Behandlung eines Crohn-Patienten mit 12.417 bis 37.135 US-Dollar veranschlagt (100). Bei einer Auswertung von Patientendaten an der CED-Ambulanz der Universität Ulm wurden durchschnittliche krankheitsbezogene Kosten für einen Crohn-Patienten auf rund 20.000 Euro pro Jahr geschätzt. Dabei entfallen ca. 69 % auf indirekte Kosten aufgrund von Produktionsverlust durch Arbeitsausfall. Direkte medizinische Kosten sind für 27 % und direkte nicht medizinische Kosten (z. B. Fahrtkosten) für 4 % der entstehenden Kosten verantwortlich. Einschränkend wird zur Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse u.a. mitgeteilt, dass in der Spezialambulanz in Ulm überwiegend schwierigere Verläufe von CED (chronisch entzündlichen Darmerkrankungen) behandelt werden, die überproportional häufig Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit nach sich ziehen. Deshalb seien die monatlichen Kosten eines durchschnittlichen CED-Patienten in Deutschland eher niedriger als die in der Pilotstudie berechneten 1.500,- Euro anzusetzen (126).

Paratuberkulose des Rindes (John`sche Krankheit)

Hier handelt es sich bekanntlich um eine infektiöse Enteritis bei Wiederkäuern (16) (Rind, Schaf (115), Ziege (113) , Wildwiederkäuer (101, 120, 121)). Empfänglich sind ebenso Primaten (1) und Kaninchen (2). Kaninchen scheinen nach vorliegenden Untersuchungen eine besondere Rolle bei der Verbreitung der Krankheit zu spielen (102 - 105). Mycobacterium paratuberculosis ist ein aerobes, unbewegliches, säurefestes, schwach grampositives Stäbchen. Die mikrobiologische Anzüchtung ist schwierig und kann sich über Monate erstrecken. Die Paratuberkulose ist weltweit verbreitet, wobei aber deutliche regionale Schwankungen beobachtet werden. In der Schweiz sind ca. 6 % der Gesamtrinderpopulation infiziert (15). Schweizer Wissenschaftler vom Institut für Lebensmittelsicherheit und -hygiene der Universität Zürich die Verbreitung des Erregers in Schweizer Rohmilch untersucht. Bei 273 (19,7 Prozent) der 1384 untersuchten Tankmilchproben wurden sie fündig. Die Ergebnisse zeigten große regionale Schwankungen (1.7 bis 49.2 Prozent) (98). In Österreich wurden je nach Region zwischen 4 und 12 % aller Rinderbestände als Para - TB - positiv identifiziert. Schätzungen in der Bundesrepublik sprechen von 10 bis 15 % (88). In den USA wurden 20 bis 40 % der Herden als "positiv" angenommen. Hierbei ist zu beachten, daß bei diesen Untersuchungen unterschiedliche Nachweismethoden zur Anwendung kamen. Nach Untersuchungen von amerikanischen und tschechischen Wissenschaftlern haben die Rinderrasse oder die Nutzungsrichting (Fleisch o. Milch; extensiv o. intensiv) keinen Einfluß auf die Häufigkeit einer Infektion mit MAP (116, 125).

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Letal

Die Paratuberkulose des Rindes verläuft letal als chronische Enterocolitis. Sie tritt in einzelnen Beständen enzootisch auf. Erste klinische Symptome treten in der Regel erst bei Tieren von zwei bis sechs Jahren auf. Chronische Abmagerung und Milchrückgang sind die Leitsymptome. Bei Einzeltieren kann ein profuser, therapieresistenter Durchfall mit übelriechendem, gasblasenhaltigem Kot beobachtet werden. Im Ileum des Rindes findet man die charakteristischen, hirnwindungsartigen Verdickungen der Mucosa. (14) Die zugehörigen Lymphknoten sind vergrössert und vor allem beim Schaf, verkäsend - nekrotisiert oder verkalkt (14).

In Kot und Milch

Die Mykobakterien werden in Kot, Harn, Milch und Sperma ausgeschieden und so verbreitet (20 - 22). Die Ansteckung erfolgt meist bei Kälbern unter einem Monat durch erregerhaltige Milch, kontaminiertes Futter oder Wasser (16). Infizierte Rinder können bis zu 5 Trillionen (5.000.000.000.000) Mycobacterien pro Tag ausscheiden. Dies entspricht etwa 100 Millionen Keimen pro Gramm Kot. Insbesondere bei heftigem Durchfall spritzt dann der Durchfallkot an die Euter benachbarter Herdenmitglieder. Sie sind somit eine ständige Quelle für Infektionen der Milch auch anderer Kühe (38). Ältere Tiere können sich infizieren und Mykobakterien ausscheiden, ohne klinische Symptome zu entwickeln. Kontaminierte Weiden bleiben bis zu einem Jahr infektiös. MAP l&aul;ßt sich in Regenwürmern infizierter Weiden nachweisen (114).Eine Ütragung durch Magen-Darm-Würmer erscheint auf Grund verschiedener Untersuchungen als denkbar (106 - 108). In der Gülle können die Erreger bis neun Monate überleben. Von den Weiden können die Erreger mit dem Regen in Flüsse, Seen und in Systeme zur Trinkwasserversorgung eingetragen werden (41). Generell muss von einer hohen Überlebensfähigkeit von MAP in Wasser, Boden und unbehandeltem Kot ausgegangen werden (109).

Verdacht auf die John`sche Krankheit besteht bei chronischer Abmagerung mit oder ohne Durchfall. Zur Untersuchung kommen veränderte Darmteile, Lymphknoten, Kotproben und Serum zum Erreger- und Antikörpernachweis. Differentialdiagnostisch müssen die Salmonellose, Kokzidiose, Nephritis, Endoparasiten, Rinderleukose, Vergiftungen, Leberabszesse und Fremdkörperverletzung des Pansens ausgeschlossen werden (16).

Die Diagnose der subklinischen Paratuberkulose ist schwierig, da die mikrobiologische Kultivierung des Erregers zeitaufwendig und arbeitsintensiv ist. Wissenschaftler aus Nord - Irland weisen in der Fachzeitschrift "Letters in Applied Microbiology" darauf hin, dass viele Methoden zur Aufbereitung von Rohmilchproben zur Untersuchung auf Mycobacterium paratuberculosis offensichtlich einen Großteil der Bakterien vernichten bzw. für eine Kultivierung unzugänglich machen. Bei einem Vergleich von vier Methoden zur Proben - Aufbereitung waren die Wissenschaftler bestenfalls in der Lage, knapp ein Drittel (28,7%) der zuvor unter kontrollierten Bedingungen hinzugefügten Bakterien wieder zu finden (99). Messbare Antikörpertiter treten erst im klinischen Stadium auf (87).

Die Bekämpfung erfolgt über die Merzung erkrankter Tiere und der klinisch gesunden Erregerträgern, in verschiedenen Maßnahmen zur Stall -, Fütterungs- und Weidehygiene und Ergänzung des Rinderbestandes aus Para - TB freien Beständen (16).

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Morbus Crohn und Mykobakterien

Eine Reihe von Untersuchungen belegen, daß neben einer genetischen Disposition auch ein Faktor in der Umwelt für das Auftreten von Morbus Crohn verantwortlich sein muß. So beobachtete man, daß Migranten, die aus einer Region mit einer geringen Prävalenz (Häufigkeit) von Morbus Crohn in eine Region mit hoher Prävalenz umsiedelten, dann mit gleicher Häufigkeit an Morbus Crohn erkrankten, wie die alt eingesessene Bevölkerung (17 - 19). Im Jahre 1996 belegte eine Studie im "Canadian Journal of Gastroenterology" (23) eine auffällige regionale Deckung von Gebieten mit einer hohen Prävalenz von Paratuberkulose mit solchen Gebieten, die eine hohe Prävalenz von Morbus Crohn aufweisen Der Autor deutet dies als weiteres Indiz dafür, daß das Mycobacterium paratuberculosis in der Ätiologie von Morbus Crohn eine Rolle spielt. Ebenso liegen Untersuchungen vor, die eine Häufung von Morbus Crohn - Erkrankungen entlang des Flusses Taff in Cardiff, Wales (England) belegen. Die Autoren sehen einen möglichen Zusammenhang mit einem Eintrag von Kot und Abwässern aus der Rinderhaltung am Oberlauf (42). Eine weitere Veröffentlichung aus dem Jahre 1993 berichtet über 2 französische Familien mit einer ungewöhnlichen Häufung von Morbus Crohn Erkrankungen. In der ersten Familie waren Vater, Mutter und vier Kinder, in der zweiten Familie waren sieben von 11 Kindern erkrankt. Die Autoren kommen zu dem Schuß, daß ein infektiöser Mikroorganismus für diese Erkrankungen verantwortlich sein muß (90).

"Alte Geschichte"

Obwohl schon Anfang unseres Jahrhunderts ein erster Verdacht geäußert wurde, ließ erst eine Veröffentlichung aus dem "Department of Medicin", Rhode Island Hospital, Providence, USA (26) die Fachwelt aufhorchen. Der Autor liefert in einer umfassenden Arbeit mit mehr als 300 Literaturstellen Belege für einen Zusammenhang zwischen Morbus Crohn und Mycobacterium paratuberculosis (MAP).

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Verwirrende Laborergebnisse

In einer Reihe von Untersuchungen konnte der Subtyp von Mycobacterium paratuberculosis, der bei Rindern zu finden ist, eindeutig auch bei Morbus Crohn identifiziert werden (31, 35, 36, 93). Selbst bei Crohn-Patientinnen konnte MAP aus der Muttermilch isoliert werden (93). In den vergangen 15 Jahren haben sich eine Vielzahl von Untersuchungen mit dem labordiagnostischen Nachweis von Mycobacterien bei Morbus Crohn - Patienten beschäftigt. Es wurden z. B. ELISA - Tests, Western blot, PCR und mikrobiologische Kultivierungtechniken eingesetzt. Die Ergebnisse sind insgesamt sehr heterogen. Verschiedene Untersucher sehen keinen Beleg (50 - 52, 54, 55, 57, 60, 63 - 65, 68) für eine ursächliche Beteiligung von M. paratuberculosis (MAP) bei Morbus Crohn. Weitere Untersuchungen lassen keine Interpretation (58, 59, 66, 75, 76) in die eine oder andere Richtung zu und wiederum andere Untersuchungen werden von den Verfassern so interpretiert, daß ein eindeutiger Zusammenhang (56, 61, 67, 69, 70 - 74, 77, 122, 123) zu sehen ist. Es wird darauf hingewiesen, daß MAP ein sehr anspruchsvoller und schwierig zu kultivierender Erreger ist (79) und z.B. der ELISA - Test nicht zum Nachweis von MAP geeignet ist (62). Insbesondere bei chronischen Erkrankungen und in bestimmten Phasen von Erkrankungen mit Mycobacterien sind Antikörper oft nicht nachweisbar (26). Die Probleme beim labordiagnostischen Nachweis von MAP erklärt möglicherweise, warum so lange kein Zusammenhang zwischen Morbus Crohn und MAP hergestellt wurde. Da Morbus Crohn durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflußt wird und in verschieden Lokalisationen des Verdauungstraktes auftritt, wird auch diskutiert, daß MAP nur für eine Teil von Morbus Crohn verantwortlich zu machen ist. (92). In wieweit die oft jahrelange Vorbehandlung von MC - Patienten mit Immunsupressiva (Corticosteroide) einen Einfluß auf die Ausprägung von Antikörpertitern hat, konnte vom Autor nicht in der Literatur abgeklärt werden. Mit der sogenannten "Laser Capture Microdissection" (LCM), einem neuen Verfahren zur kontaminationsfreien Isolation spezifischer Zellen, ist es neuerdings gelungen, DNS von MAP aus 6 von 15 Gewebeproben von Crohn-Patienten zu isolieren. So konnte eine zufällige Kontamination mit MAP aus dem Darmlumen ausgeschlossen werden. (97)

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Spezielle Antibiotika wirksam

Eine Vielzahl von Untersuchungen haben sich mit der Wirksamkeit von Antibiotika beschäftigt. Es wurden sowohl deutliche Erfolge (81, 82, 84, 89) als auch Mißerfolge verzeichnet (53). Die Beteiligung von Mycobacterien bei Morbus Crohn voraussetzend, wurden in verschiedenen Studien insbesondere Mycobacterien - wirksame Antibiotika (z.B. Macrolide) in verschiedenen Kombinationen über längere Zeit (46) eingesetzt und es konnte bei vielen Patienten eine deutliche Besserung des Krankheitsbildes erreicht werden (27, 46, 47, 96). Offensichtlich ist es notwendig, daß mehrere Antibiotika kombiniert werden, um die unterschiedliche Resistenzlage und eine Resistenzentwicklung unter der Therapie zu berücksichtigen (46). Im Februar 1998 berichteten im British Medical Journal Hermon Taylor und Co-Autoren über die Krankheitsgeschichte eines Jugendlichen, bei dem 1988 in einigen seiner Halslymphknoten Mycobacterium paratuberculosis nachgewiesen wurde. Fünf Jahre später erkrankte er an Morbus Crohn. Die Erkrankung konnte durch Mycobacterien - wirksame Antibiotika geheilt werden.

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Milch, Käse und Gemüse als Vektoren?

Eine japanische Studie aus dem Jahre 1996 belegt, daß die Häufigkeit von Morbus Crohn positiv mit dem Verzehr von tierischem Protein insbesondere Milchprotein korreliert ist. Der Verzehr von Fischprotein ist nicht positiv, der Verzehr von pflanzlichem Protein hingegen ist negativ korreliert (24). Menschen, die im Säuglingsalter gestillt wurden bzw. nicht oder nur wenig mit Milchprodukten (Flaschennahrung) ernährt wurden, sind unter Morbus Crohn Patienten deutlich unterrepräsentiert (48, 49).

Eine spanische Untersuchung zeigt, daß Morbus Crohn häufig von Juni bis August diagnostiziert wird (86). Hingegen erleiden Morbus Crohn - Erkrankte häufig in Herbst und Winter einen Rückfall bzw. einen akuten Schub (44). Es stellt sich die Frage, ob dies mit einem saisonalen Auftreten von Mycobacterium (MAP) paratuberculosis in Milchprodukten zu erklären ist. Im Jahr 1996 belegte eine britische Studie, daß das M. paratuberculosis sowohl in Rohmilch als auch in pasteurisierter Konsummilch aus dem Handel mittels Polymerase - Kettenreaktion (PCR) nachzuweisen ist (25). In dieser Untersuchung wurden insbesondere von Januar bis März und von September bis November häufiger Mycobacterien in Milchproben gefunden (25). Eine Vielzahl von Untersuchungen belegt, daß das bei Rindern bzw. in Milch gefundene Mycobacterium paratuberculosis so hitzeresistent ist, daß es eine Pasteurisierung bei 71 ° C und 15 Sekunden Einwirkdauer in der Molkerei infektionsfähig überlebt ( 25, 28 - 30, 32 - 34, 37, 106, 111) und auch in pasteurisierter Verkaufsmilchen nachweisbar ist (112). Offensichtlich ist der Erfolg der Pasteurisierung sehr vom Anfangskeimgehalt der Milch und der Einwirkdauer abhängig (37, Tab 1). Nach Sung und Collins (37) scheidet eine an Para - TB erkrankte Kuh 100 Millionen Mycobacterien / g Kot aus. So sind nach diesen Untersuchungen sehr häufig mehr als 10 Keime / ml Milch vorhanden, so daß die üblich Erhitzungsdauer von 15 Sekunden nicht ausreicht. Es kann nur mit einer Keimreduzierung gerechnet werden (33). Das Homogenisieren der Milch vor dem Pasteurisieren verbessert die Keimreduktion (106). In Australien gelang es sogar MAP aus Milch anzuzüchten, die für 15 Sekunden auf 82 ° erhitzt wurde (34). In des Bundesrepublik wird entsprechend der Milchverordnung (80) für 15 - 30 Sekunden auf 72 - 75 ° C erhitzt. Unter diesem Aspekt erscheinen Rohmilch und Rohmilchkäse von Rindern, Schafen und Ziegen (113), die von Einzelbetrieben vermarktet werden, als besonders risikobehaftet. Hier können große Mengen MAP über Rohmilch und Rohmilchkäse direkt an den Verbraucher gehen, da der Verdünnungseffekt und das Pasteurisieren durch die Molkerei entfällt. MAP überlebt 28 Tage in Emmentaler, 45 Tage in Tilsiter, 60 Tage in Frischkäse (94). Wissenschaftler der Forschungsanstalt für Milchwirtschaft (FAM) der Schweiz konnten MAP selbst noch nach 120 Tagen aus Emmentaler- und Tilsiter-Rohmilchkäse isolieren (95). Tschechischen Wissenschaftlern ist es gelungen, MAP auch von Gemüse (Salat, Rettich, Tomaten) zu isolieren, welches auf experimentell mit MAP infizierten Böden aufgezogen wurde. Die Ergebnisse skizzieren einen Infektionsweg über Gülle und Mist, die als Dünger im Pflanzenbau genutzt werden (124).

 

Tab 1: Abschätzung über die notwendige Zeit, um alle vorhanden Keime bei der Pasteurisierung mit 71 ° C abzutöten (37)
Anfangskonzentration in der Rohmilch
(Keime / ml)
Sekunden

1,000,000

70

100,000

59

10,000

47

1,000

35

100

23

10

11

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Medienecho

In den britischen Medien überschlugen sich die Meldungen. Britische Milchverarbeiter sahen sich genötigt, im Internet Sonderseiten zum Thema zu verbreiten, um besorgte Verbraucher zu informieren. Morbus Crohn Patienten wird nunmehr empfohlen nur noch UHT - Milch (H - Milch) zu konsumieren, die auf 130 ° C erhitzt wird. Milchverarbeiter wie Tesco und Sainsbury verlängerten die Erhitzungsdauer der Milch. Die britische Regierung hat sich nunmehr zu einer landesweiten Überprüfung von Milch entschlossen (78).

Umstritten

Die Belege für einen Zusammenhang zwischen Morbus Crohn und Mycobacterium paratuberculosis sind vielfältig und werden seit etwa 18 Jahre kontrovers diskutiert (83). Andere Autoren hingegen sehen nach Würdigung der zur Verfügung stehenden Daten den Zusammenhang von Morbus Crohn und Mycobacterien als nicht ausreichend gesichert und fordern weitere Untersuchungen (43, 91). Anlässlich des 2. Leipziger Tierärztekongresses im Januar 2002 rämte eine Vertreterin des BgVV (Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin; Berlin) ein, dass der Morbus Crohn möglicherweise Folge einer Infektion ist, bzw. der Krankheitsprozess durch MAP mit verursacht oder aufrecht erhalten wird (110). Für andere Experten ist der Zusammenhang zwischen MAP und Morbus Crohn seit Jahren gesichert. Anläßlich einer Konferenz bewertete Prof. Dr. John Hermon-Taylor vom St. George's Hospital Medical Center in London deshalb die andauernde Verbreitung von Paratuberkulose-Erregern mit der Milch als "ein Problem für die öffentliche Gesundheit von tragischem Ausmaß". Er mahnte wiederholt in einer Vielzahl von Veröffentlichungen die notwendigen Maßnahmen an, um die Konsumenten schützen (118).

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Sicherheit

Legt man aber bei der bestehenden Datenlage beim Verbraucherschutz auch nur annähernd vergleichbare Sicherheitsstandards zu Grunde, wie man sie z.B. bei BSE, Gentechnik, beim Umgang mit Tierarzneimitteln und der Festlegung von Rückstandshöchstmengen praktiziert, ist rasches Handeln angezeigt. Es erscheint deshalb dringend erforderlich, daß zunächst durch repäsentative Stichprobenuntersuchungen auf Wiederkäuer - haltenden Betrieben, in Molkereien und der Milch verarbeitenden Industrie, bei Milch, Käse, Butter, Yoghurt, Babynahrung und anderen Produkten verläßliche Daten über die Verbreitung von Mycobacterium paratuberculosis erhoben werden. Mittelfristig ist eine staatliche Bekämpfung unumgehbar! Die Paratuberkulose darf aber nach Ansicht des Verfassers nicht als alleiniges "Rinderproblem" gesehen werden, da auch Schafe und Ziegen und viele Wildtiere den Erreger tragen und verbreiten können. Ebenso könnte MAP über mit Fäkalien gedüngtes Gemüse verbreitet werden (94, 124).

Um kurzfristig den Verbraucherschutz zu verbessern, sollte innerhalb der milchverarbeitenden Industrie die Erhitzungsdauer bei der Pasteurisierung von Kuh -, Schaf - und Ziegenmilch erhöht werden. Rohmilch und Rohmilchkäse müssen unbedingt als solche gekennzeichnet werden, da hier mit den höchsten Keimgehalten zu rechnen ist. Nur so können Risikogruppen (Morbus Crohn - Patienten und Angehörige von "Morbus Crohn - Familien) diese Produkte meiden.

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