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Interview: Nicht jeder Durchfall ist Ileitis

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Hannover (aho) – Frau Dr. Heike Engels sprach kürzlich mit Prof. Dr. Michael Wendt von der Klinik für kleine Klauentiere, forensische Medizin und ambulatorische Klinik, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, über aktuelle Aspekte der Ileitis in Sauen- und Mastbeständen.

Herr Prof. Dr. Wendt, gibt es neue Forschungsergebnisse zur Darmerkrankung Ileitis?

Ja, die gibt es. Epidemologische Untersuchungen deutschlandweit haben gezeigt, dass die Infektionen mit Lawsonien sehr weit verbreitet sind. In vielen Fällen gehen sie aber nicht mit einer Klinik einher, sondern häufig als eine subklinische Infektion. Das heißt, im Stall „kleckert“ vielleicht mal ein Tier oder der Landwirt ist mit den Zunahmen nicht so ganz zufrieden. Viele Landwirte glauben dann nicht, dass sie die Ileitis im Stall haben. Wir haben mal in einem Betrieb, von dem wir durch ein Blutproben-Screening von einer Ileitisinfektion wussten, genau hingeschaut. Der Landwirt hatte von der Infektion noch nichts bemerkt. Wir haben von Schweinen aller Altersklassen wöchentlich sowohl Kot- als auch Serumproben untersucht und wir konnten bei fast allen Tieren die Ileitisinfektion nachweisen. Insofern kann man sagen, wenn dieser Erreger im Stall ist, dann wird er so gut wie jedes Tier befallen.

Wie sieht der Infektionsdruck denn auf Betriebsebene aus? Sind die Lawsonien immer noch so häufig in den Beständen zu finden?

Wir untersuchen das seit mehreren Jahren und man kann wirklich sagen, gut 80 % der Betriebe weltweit sind positiv. Bei den Sauenbeständen bin ich eigentlich der Meinung, dass wir heute kaum noch einen freien Bestand haben. Und das zieht sich dann natürlich auch in die Mast hinein. Man kann davon ausgehen, dass der Erreger aus den Sauenbetrieben weitertransportiert wird. Infektionen finden halt schon früh im Flatdeck statt, und damit haben die Mastbestände beste Chancen, sich anzustecken.

Wenn man bei subklinischer Ileitis im Stall nichts sieht und die Tiere lediglich im Blut nachweisbar an einer Lawsonieninfektion leiden, kann das Problem doch nicht so schlimm sein?

Das kann man so nicht stehen lassen. Wir haben in der vorhin angesprochenen Studie diese Tiere mittels Sektion gründlicher untersucht. Wir fanden ganz typische histologische Veränderungen bei diesen Tieren, das heißt, dass die Darmschleimhaut bei Untersuchung unter dem Mikroskop die bei Ileitis typischen Veränderungen zeigte, und das eben selbst, wenn die Schweine überhaupt keine äußerlich sichtbaren Symptome zeigten. Interessant für die Diagnostik ist sicherlich, dass die Lawsonien nur relativ kurz ausgeschieden wurden und zum Mastende auch nicht mehr alle Tiere positiv waren. Einen Zusammenhang zu möglichen
Verdauungsstörungen, die vielleicht etwas mit den oft berichteten mangelhaften Zunahmen zu tun haben, konnten wir in diesem Versuch nur tendenziell feststellen. Daher schließen wir weitere Untersuchungen an, denn es wird ja schon jetzt oft berichtet, dass selbst in Beständen mit subklinischer Ileitis die Impfung durchaus zu verbesserten Zunahmen führt.

Zum Thema Impfung hört man neben sehr zufriedenen Stimmen gelegentlich auch von Betrieben, in denen die Impfung nicht zum erwarteten Ergebnis geführt hat. Können Sie hierzu etwas sagen?

Eine Impfmaßnahme ist immer eine sehr gezielte Maßnahme. Wenn die Impfmaßnahme korrekt durchgeführt wird, sind die Tiere gegen die Erreger geschützt, die im Impfstoff enthalten sind. Daher muss vor Beginn einer Impfmaßnahme Wert auf eine sorgfältige
Diagnosestellung gelegt werden. Ein Ileitisimpfstoff hilft nicht gegen Durchfall, der durch andere Erreger als Lawsonien verursacht wurde!
Erst kürzlich war ich in die Diagnostik eines Ileitisfalles eingebunden: Eine größere Kooperation, eine große Sauenanlage mit etwa 1.600 Sauen, die ihre Ferkel an sechs Mastbetriebe ausliefert, hatte seit längerer Zeit das Problem immer wiederkehrender Durchfälle, sowohl in der Sauenanlage, bei den Absetzferkeln als auch in den Mastbeständen. Der Durchfall war teilweise mit Blut vermengt, also durchaus ein Hinweis auf Ileitis. Da im Bestand gegen Ileitis geimpft wurde, stand die Frage im Raum, welche Ursache hinter dem
Durchfall steckte und ob die Impfung nicht funktioniere. Die Betriebsleiter waren sehr unzufrieden, denn von der Impfung hatte sie sich mehr versprochen.

Wie war das weitere Vorgehen der Betriebe und die Rolle der TiHo?

Die Blutprobenuntersuchung in den Sauenanlagen bestätigten den korrekten Impfzeitpunkt, also lag kein falscher Impfzeitpunkt vor. Dies ist schon einmal eine wichtige Voraussetzung, dass die Ileitis-Impfung überhaupt funktionieren kann. Die betreuenden Bestandstierärzte traten deshalb an uns heran und baten um eine umfangreiche Diagnostik, denn die Durchfallproblematik musste dringend abgeklärt werden. Wir haben uns dann aus allen Anteilen dieser Kooperation lebende typisch erkrankte Tiere zur Sektion anliefern lassen, also sowohl Tiere aus der Sauenanlage als auch aus der Mastanlage und auch aus den übrigen Mastbeständen. Insgesamt waren es 17 Schweine.

Was ergaben diese unabhängigen Untersuchungen der TiHo?

In den einzelnen Betriebsteilen konnten wir verschiedenste Erreger nachweisen. Insgesamt war der Hauptbefund eine Salmonellose, wir haben in fast allen Betriebsteilen, also bei den Sauen, Absetzferkeln und der Mast, Salmonellen finden können. In einem der Mastbetriebe fanden wir auch Dysenterie. Und in dem letzten Betrieb hatten wir einen merkwürdigen Befund: Da waren lauter Schmeißfliegenlarven im Kot der Tiere zu finden. Also kann man zumindest annehmen, dass auch das Futter von der Hygiene her nicht optimal gefahren wurde. Ob das nun ursächlich mit dem Durchfall zusammenhängt oder ob wir da bei zwei oder drei Tieren, die pro Betrieb untersucht wurden, wegen der Stichprobengröße einen negativen Salmonellen-Befund hatten, sei mal dahingestellt.

Welche Ergebnisse gab es denn in Bezug auf die Lawsonien?

Lawsonien haben wir ganz vereinzelt auch gefunden, zumindest bei den Absetzferkeln. Dies ist aber zunächst einmal nicht verwunderlich. Denn auch geimpfte Tiere leben weiterhin in einer Umgebung, in der Lawsonien vorkommen. Daher nehmen sie auch von Zeit zu Zeit Lawsonien auf. Wichtig und entscheidend ist, dass sie durch die Impfung vor der Krankheit geschützt sind, obwohl sie Lawsonien aufgenommen haben. Um festzustellen, ob die Därme trotz Lawsonien dank der Impfung gesund geblieben waren, haben wir Darmgewebe der Masttiere mit dem Mikroskop – der Fachmann nennt dies histologisch – auf für Ileitis typische Veränderungen untersucht. Man kann schon sehr gut unterscheiden, welcher Erreger die Veränderungen am Darm verursacht hat. Aber bei keinem geimpften Tier waren lawsonienbedingte Veränderungen nachweisbar. Dieser Befund zeigt, die Impfung verhindert nicht, dass Schweine Lawsonien aufnehmen, das kann sie einfach nicht, aber sie kann die Folgeschäden am Darm verhindern.

Ist bei diesem „Beschwerdefall“ Ihrer Meinung nach richtig reagiert worden?

Ja, in jedem Fall. Nachdem die Situation anfangs falsch eingeschätzt und statt einer Salmonellose eine Ileitisinfektion vermutet wurde, war die anschließende ausführliche Diagnostik mit Sektion der betroffenen Tiere die richtige Entscheidung. Diagnostik ist heute
teuer und deshalb wird oft erst mal sehr restriktiv vorgegangen. Man versucht, mit den wenigen Befunden, die man erhoben hat, zurechtzukommen. Aber ich denke, unsere Befundung hier zeigt, dass man, wenn es dann nicht weiter geht, etwas breitflächiger
Differentialdiagnostik betreiben muss. Wenn ich mich nur auf einen Erreger konzentriere, schicke ich eine Kotprobe weg, bekomme einen Befund, sehe Lawsonien und denke: „wunderbar, das muss es sein!“. Habe ich also nicht sicher überprüft, ob nicht auch andere
Erreger eine Rolle spielen, dann kann ich einfach mit der Behandlung in eine Schieflage geraten. Die Ileitisimpfung war ein Schritt in die richtige Richtung, denn die Lawsonien trugen sicherlich auch einen wichtigen Teil zu den vormals schlechten Leistungen bei, aber
sie konnten das Problem nicht völlig lösen, weil eine Reihe von anderen Erregern mit im Spiel war.

Was schließen Sie aus diesem Fall?

Dass eine solche Klinik wie in diesen Betrieben nur eine Verdachtsdiagnose hervorrufen kann. Aus einer Kotprobe allein kann man vor allem bei gegen Ileitis geimpften Tieren keine vernünftige Diagnose stellen und nicht jeder Durchfall ist Ileitis. Deswegen empfehle ich,
eine ordentliche Differentialdiagnostik zu betreiben. Je länger man wartet, desto teurer wird die Geschichte. Das rechnet sich dann einfach nicht. Hinterher muss ich das Geld dann doch noch für Diagnostik ausgeben, wenn ich es früher getan hätte, wäre ich da vielleicht auch früher fündig geworden und hätte die Probleme früher abstellen können. Für mich eine wichtig Erkenntnis: Bei gegen Ileitis geimpften Schweinen kann nur eine Sektion inklusive Erregernachweis im typisch veränderten Gewebe Aufschluss geben, ob die Schweine wirklich an Ileitis erkrankt sind.

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