Lebensmittel - Markt - Ernhrung®
Lebensmittel - Markt - Ernhrung
  

powered by ...

Ebermast: Mit Hormon-Leberwurst zu olympischem Gold

frau_springt(aho) – Bei der Diskussion um den Ausstieg aus der Ferkelkastration, der Ebermast und die Eberimpfung, wird gern über mögliche Reaktionen der Verbraucher auf die Eberimpfung mit Improvac spekuliert. Dabei fallen dann Formulierungen wie „Hormon-ähnliche Wirkung“ und „greift in Sexual-Hormonhaushalt ein“ (11).

Zunächst muss bemerkt werden, dass die Kastration selbst wohl der ultimative Eingriff in den Hormonhaushalt ist.

Naturdoping

Häufig bleibt unerwähnt, dass Eber selbst große Mengen des Hormons Nandrolon produzieren und mit dem Urin ausscheiden. Bereits seit den 70iger Jahren liegen Studien vor, die Nandrolon, auch 19-Nortestosteron genannt, beim Eber (7) und andere Tieren wie Pferden (6), Affen (8) oder Mäuse (9) als ein physiologisches endogenes Steroid nachweisen. Auffallend ist, dass beim Eber (7,18, 19) die höchsten physiologischen Nandrolongehalte nachgewiesen wurden.

Nandrolon wird physiologisch aus Testosteron synthetisiert und hat ein 20fach höheres anaboles Potential als Testosteron (12). Testosteron wird zum größten Teil unter dem Einfluss des LH (Luteinisierendes Hormon) in den Leydig’schen Zwischenzellen im Hoden produziert.

Auch Östrogene

Eber produzieren zusätzlich zu den Androgenen in den Leydigzellen auch hohe Mengen an Östrogenen, welche sogar die Östrogen-Konzentrationen von Sauen in der Rausche übersteigen (20, 21).

Doping

Nandrolon gilt als ein Klassiker unter den illegalen „Kraftmachern“. Wegen der muskelaufbauend (anabolen) Wirkung wird es im Human- und im Pferdesport (13) illegal zur Leistungssteigerung verabreicht (14,15) . Nandrolon steht deshalb seit 1976 auf der Verbotsliste des Internationalen Olympischen Komitees. Illegales Doping mit Depotpräparaten von Nandrolon ist auch im Fitnessbereich bekannt.

Bei Männern und jungen Menschen besteht keine medizinische Indikation für Nandrolon. Ein Missbrauch der Substanz als Doping-Mittel kann zu gravierenden endorkinen, metabolischen, psychischen und anderen unerwünschten Wirkungen führen. Eine Anwendung bei Heranwachsenden kann durch vorzeitigen Epiphysenschluss zu Wachstumsstörungen führen (17).

Nandrolon kann in Einzelfällen zur Behandlung der Osteoporose von Frauen nach der Menopause (postmenopausale Osteoporose) als zusätzliches Osteoporose-Therapeutikum eingesetzt werden. Als Nebenwirkungen werden Virilisierung (Vermännlichung), ein Tieferwerden der Stimme und eine Erhöhung des Blutdrucks beschrieben.

Illegale Masthilfe

Auch bei Masttieren wurde Nandrolon als Masthilfsmittel nachgewiesen. In der Europäischen Union darf die Substanz, unabhängig eines synthetischen oder physiologischen Ursprungs, bei Lebensmittel liefernden Tieren nicht angewendet werden (16).

Im Rahmen des Nationalen Rückstandskontrollplans fallen immer wieder Eber mit hohen Nandrologehehalten auf. So wurden in Proben von einem Eber Nandrolon in einer Konzentration von 82,4 ng/kg gefunden. Im Vergleich zu den üblichen physiologischen Nandrolon-Gehalten in Ebern ist dieser Wert zwar erhöht, jedoch kein Beweis für eine Zufuhr dieses Stoffes. Hinweise auf eine illegale Behandlung gab es nicht (3).

Unter Verdacht

In der Vergangenheit waren immer wieder Sportler auf Nandrolon positiv getestet worden, nachdem sie Eberprodukte verzehrt hatten. Viele dieser angeblichen “Doping-Sünder hatten die Verwendung von Nandrolon vehement bestritten. Der Fall der zwei Schwimmer David Meca-Medina und Igor Majcen sorgte im Jahr 1999 beim Weltcup in Brasilien für Schlagzeilen. Der Spanier und der Slowene hatten fünf Tage nacheinander eine einheimische Delikatesse verspeist. Sie enthielt die Leber eines unkastrierten Ebers. Unvergessen ist die „Zahnpastaaffäre“ um den Leichtathleten Dieter Baumann, dem das Nandrolon angeblich über kontaminierte Zahnpasta ungewollt zugeführt wurde.

Wissenschaftler aus Portugal haben schon im Jahr 2002 (in der Fachzeitschrift “Revista Portuguesa de Ciências Veterinárias”) nachweisen, dass nach einer Mahlzeit mit Leber unkastrierter männlicher Schweine im Urin Metaboliten (Abbauprodukte) des natürlichen Hormons Nandrolon (19-Nortestosteron) ausgeschieden werden. Die Konzentrationen überschritten die Doping-Grenzwerte um das zehn – bis hundertfache des Doping-Grenzwertes (1). Diese Ergebnisse bestätigen niederländische Untersuchungen. Hier waren hohe Nandrolongehalte in bestimmten Würsten aufgefallen, die unter Verwendung von Leberpastete hergestellt worden waren.

Auch französischen Wissenschaftlern der „Ecole Nationale Vétérinaire“ gelang es, dopingrelevante Mengen von Nandrolon und dessen Abbauprodukte im Urin von „Testessern“ nachzuweisen, nachdem diese Innereien wie Leber von unkastrierten Ebern unter kontrollierten Bedingungen verzehrt hatten (2).

Was kann Improvac?

Improvac ist ein Impfstoff, der das Immunsystem des Schweins zur Bildung spezifischer Antikörper gegen den Gonadotropin-Releasing-Faktor (GnRF) anregt. Der Botenstoff wird im Hypothalamus gebildet und greift in die Funktion der Hoden ein. GnRF gelangt auf dem Blutweg in die Hypophyse, bindet dort an spezifische GnRF-Rezeptoren und bewirkt auf diese Weise die Produktion von Luteinisierendem Hormon (LH) und Follikelstimulierendem Hormon (FSH). LH und FSH wiederum gelangen mit dem Blut zu den Hoden und bewirken dort, dass Testosteron (5, 10) (Vorläufersubstanz des Nandrolon) und andere Geschlechststeroide, wie das Pheromon Androstenon, gebildet werden. Infolge der Impfung und der spezifischen Antikörper sinkt auch die Menge an Androstenon und die Nandrolon-Vorläufersubstanz Testosteron auf das gleiche Niveau ab, wie es auch für kastrierte Eber typisch ist. Dies wirkt sich auch positiv auf das Verhalten der Tiere aus.

testosteron_geimpft
Abbildung: Testosteron-Konzentrationen (ng/ml) der intakten (n=8) und mit Improvac GnRH-immunisierten Eber (n=9) von der 18. bis 25. Lebenswoche (Wochenmittelwerte ± S.E.) (12)

Durch die GnRH-Immunisierung ist auch die Östrogen-Plasmakonzentration vermindert. Alle Sexualhormone sind auf basale Konzentrationen erniedrigt (12).

Die Wirkung der Eberimpfung lässt nach sechs Wochen langsam wieder nach, so dass dann die Hoden wieder Nandrolon bilden und die Hoden der Eber wieder voll funktionsfähig sind.

Fairness

Mit der Zunahme der Ebermast könnten Fleischunternehmen verleitet sein, Eberfleisch mit Geschlechtsgeruch nicht wie vorgeschrieben als K3-Material zu entsorgen, sondern das sogenannte „Stinkefleisch“ als gut gewürzte Würste und Pasteten an den Kunden zu bringen. Die QS-GmbH hatte bereits von der Universität Göttingen (4) solche Maskierungstechniken prüfen lassen. Ob dann Medienberichte über vermehrte Dopingvorwürfe gegen Sportler und „Hormonleberwürste“ in der Boulevardpresse dem Ansehen des deutschen Schweinefleisches zuträglich sind, darf bezweifelt werden.
Sportler, die kurz vor einem Wettkampf Schweinefleischprodukte verzehrt haben, sollten in Zukunft vorsichtshalber vor dem Wettkampf einen Dopingtest durchführen lassen, um sich nicht dem Verdacht des Dopings auszusetzen. Denkbar wäre auch eine Etikettierung „Kann anaboles Nandrolon enthalten“, um gesundheitlich besorgte Konsumenten und Sportler der Fairness halber zu informieren.

Quellen:

(1) Jorge Barbosa , Alexandre José Galo
Consumo de tecidos ed íveis de porco com elevadas concentrações de nandrolona: consequências em actividades profissionais específicas
Consumption of suine edible tissues with height levels of nandrolone: consequences
for specific professional activities
Revista Portuguesa de Ciências Veterinárias (RPCV), 2002, 97 (541) S. 23-28

(2) Le Bizec B, Gaudin I, Monteau F, Andre F, Impens S, De Wasch K, De Brabander H.
Consequence of boar edible tissue consumption on urinary profiles of nandrolone metabolites. I. Mass spectrometric detection and quantification of 19-norandrosterone and 19-noretiocholanolone in human urine.
Rapid Commun Mass Spectrom. 2000;14 (12) S.1058-65.

(3) Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)
Berichte zur Lebensmittelsicherheit 2005
BVL-Reporte, Band 1, Heft 2
ISBN 978-3-7643-8402-9, ISSN 1662-131X (Print); ISSN 1662-1352 (Internet)

(4) Abschlussbericht zum Projekt „Risikobewertung zum Kastrationsverzicht“
Auftraggeber: Qualität und Sicherheit GmbH, Bonn
Berichtszeitraum 1.3.2010 bis 31.5.2011
Auftragnehmer: Georg‐August‐Universität Göttingen, Department für Nutztierwissenschaften
Abt. Produktkunde – Qualität tierischer Erzeugnisse (Prof. Dr. Michael Wicke)
Projektbearbeitung: Lisa Meier‐Dinkel, Dr. Daniel Mörlein

(5) Hilbe, M., Jaros, P., Ehrensperger, F., Zlinszky, K., Janett, F., Hässig, M., Thun, R., 2006.
Histomorphological and immunohistochemical findings in testes, bulbourethral glands and brain of immunologically castrated male piglets.
Schweiz. Arch. Tierheilk. 2006, 148, S. 599-608.

(6) Dehennin L, Bonnaire Y and Plou P
Urinary excretion of 19-norandrosterone of endogenous origin in man: quantitative analysis by gas chromatography-mass spectrometry
J Chromatogr 1999, 721 S. 301-307

(7) Ruokonen, A. & Vihko, R. Steroid metabolism in testis tissue: concentration of unconjugated and sulfated neutral steroids in boar testis, J. Steroid Biochem. (1974)5, S. 33–38.

(8) Milewich L., and Axelrod LR.
Testosterone metabolism by placental microsomes from baboons. Identification of 19-nortestosterone and 19 nor-4-androstenedione,
J. Steroid Biochem. 1979, 10 S. 241-243,

(9) Sulcova J, Rafter J and Starka L
19-Nortestosterone in mouse kidney
Endocrinol Exp 1979, 13 S. 225-235

(10) Zamaratskaia G., Rydhmer, L., Andersson, K., Chen G., Andersson K., Lowagie, S., Madej A., Lundström, K,
Long-term effect of vaccination against gonadotropin-releasing hormone, using ImprovacTM, on hormonal profile and behaviour of male pigs.
Anim. Reprod. Sci. 2008, 108, S. 37-48.

(11) Jaeger, F
Rechtliche Fragen beim Einsatz von Arzneimitteln bei der Kastration von Ferkeln
Expertenfachtagung „Verzicht auf Ferkelkastration – Praxiserfahrungen und Perspektiven“
25. Juni 2013 in Berlin

(12) Metz, C.
Endokrine Reaktionen von Ebern auf die aktive Immunisierung gegen Gonadotropin-Releasing Hormon
Dissertation, Fachbereich Veterinärmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen, 2003

(13) Ungemach F R und Nürnberger M C .
Doping im Pferdesport
In Dietz O and Huskamp B (ed)
Handbuch Pferdepraxis, Enke Verlag, Stuttgart, 1999, S. 65 – 80

(14) Nandrolone Progress Report to the UK Sports Council from the Expert Committee
on Nandrolone, February 2003

(15) World Anti-Doping Agency: The World Anti-Doping Code.

(16) Amtsblatt der EG Nr. L 125 vom 23.05.1996, S. 10

(17) Frisoli A., Chaves P. H. M. Pinheiro M. M., Szejnfeld V. L.
The effect of nandrolone decanoate on bone mineral density, muscle mass, and hemoglobin levels in elderly women with osteoporosis: a double-blind, randomized, placebo-controlled clinical trial.
Journal of Gerontology, 2005, 60A, 5, S. 648-653

(18) Debruyckere G, Van Peteghem C, De Brabander H and Debackere M
Gas chromatographic-mass spectrometric confirmation of 19-nortestosterone in the urine of untreated boars–effect of the administration of Laurabolin.
Vet Quart 1990, 12, S. 246-250

(19) Rizzo F A, Alitupa E, Hirvi T, Berg S, Hirn J and Leinonen A
Determination of 19-nortestosterone in finnish boar plasma and urine samples
Anal Chim Acta, 1993, 275, S. 135-138

(20) Claus R., Schopper D., Wagner H.-G.
Seasonal effects on steroids in blood plasma and seminal plasma of boars
J. Steroid Biochem. 1983, 19, S. 725 – 729

(21) Claus R., Hoang-Vu C., Ellendorff F., Meyer H.D., Schopper D., Weiler U.
Seminal oestrogens of the boar: origin and functions in the sow
J. Steroid Biochem. 1987, 27, S. 331 – 335

Reply to “Ebermast: Mit Hormon-Leberwurst zu olympischem Gold”

Suche



Datenschutzerklärung

Betrug und Täuschung in der Bio-Land- u. Lebensmittelwirtschaft
EHEC: Ein Erreger macht Karriere
Nitrat: Vom Schadstoff zum wichtigen Nährstoff
Mycobacterium avium paratuberculosis in Lebensmitteln
Qualität und Gesundheitswert von Bio-Produkten
Acrylamid: Nullrisiko deutlich gesenkt



Wissenschaftlerin: Nur reiche Länder können sich 'Bio' leisten - auf Kosten der Armen


Lebensmittelsicherheit


mycobakterien


Handlungsbedarf: Wissenschaftler weisen MAP in Rindfleisch nach

Derio (aho/lme) Wissenschaftlern von Baskischen Institut für Landwirtschaftliche Forschung und Entwicklung 'Neiker-Tecnalia' im spanischen Derio ist es gelungen, den Erreger der Paratuberkulose 'Mycobacterium avium paratuberculosis' (MAP) in der Muskulatur von Rindern und Kühen zum Zeitpunkt der Schlachtung nachzuweisen.
Weitere Informationen hier.






Vegetarier: weiblich, jung, überdurchschnittlich gebildet, lebt in Großstadt.



aho_Grosstiere

aho_Kleintiere & Pferde

Lebensmittel Markt Ernährung