Leberegelinfektionen in Mutterkuhherden

Dr. Manfred Stein, Gyhum

   Während die Zahl der Milchkühe in den vergangenen 20 Jahren immer weiter sank, stieg die Zahl der Mutterkühe in extensiver Freilandhaltung kontinuierlich an (1). Die wichtigsten Ursachen hierfür sind die Milchquotenregelung und finanzielle Anreize von Seiten der EU durch Extensivierungsprogramme. Zudem hoffen viele Tierhalter, daß die naturnahe Haltung an der "frischen Luft" die Gesundheit fördert. In Ostdeutschland zum Beispiel befinden sich rund 15 % der Rinder in Mutterkuhhaltung. Ein wichtiges medizinisches Problem in der Rinderhaltung sind Infektionen mit Parasiten, vor allem Fadenwürmern (Nematoden) und Saugwürmern (Trematoden, Leberegel), die beim Weidegang aufgenommen werden. (2)

Naturnah und ökologisch

Zahlreiche Mutterkuhbetriebe wirtschaften dabei nach Regeln des ökologischen Landbaus. Darüber hinaus bestehen im ökologischen Landbau zumindest gegenüber der prophylaktischen Verwendung bestimmter Stoffe oder Stoffgruppen Vorbehalte (3). Dies und "naturnahe", extensive Haltungsformen begünstigen die Verbreitung des grossen Leberegels. Förderliche Bedingungen sind insbesondere:

  • Extensive, oft ganzjährige Weidehaltung der Rinder ohne Standortwechsel und Weidepflege,
  • Nutzung von natürlichen Gewässern ohne ausreichende Befestigung des Uferbereiches zur Wasserversorgung der Bestände,
  • fehlende Umzäunung der an die Weiden grenzenden Gewässer und Feuchtgebiete,
  • Nutzung der Tiere zur Landschaftspflege u.a. in schwer zugänglichen Feuchtgebieten,
  • Renaturierungs- und Naturschutzmaßnahmen, die zur Vernässung von Weideflächen führen,
  • milde Winter und häufige Niederschläge im Sommer,
  • unzureichende Diagnostik des Leberegelbefalls (fehlende oder unregelmäßige Auswertung von Schlachtbefunden, keine kontinuierliche Herdenüberwachung) (3).
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    Foto: Unhygienische "naturnahe" Weidehaltung
    In Brandenburg und Sachsen-Anhalt Am Institut für epidemiologische Diagnostik der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere (BFAV) (2) wurde der Parasitenbefall bei extensiv gehaltenen Rindern von fünf Mutterkuhbetrieben (A - E) in Brandenburg und Sachsen-Anhalt untersucht. Alle Herden erfüllten die Kriterien für die Gewährung von Mutterkuhprämien und hielten jeweils weniger als 1,4 Großvieh-Einheiten pro Hektar. Während der Monate Mai bis November wurden von Einzeltieren in monatlichen Intervallen Kotproben genommen. Die Herde A (ökologisch) erhielt keine Wurmbehandlungsmittel (Anthelminthika), während alle über 3 Monate alten Tiere der Herden B, C und D zwei Behandlungen mit Ivermectin per Aufguß erhielten, und zwar beim Austrieb im Mai und im Herbst. Die erstsömmrigen Kälber der Herde B erhielten darüber hinaus von Mitte Juli an drei Behandlungen mit Ivermectin in vierwöchigen Abständen als prophylaktische Maßnahme gegen Lungenwurmbefall.

    Die Herde E wurde vom Vergleich der anthelminthischen Behandlungen ausgeschlossen, weil die Tiere der Herde während des Untersuchungszeitraums in beträchtlichem Umfang ausgetauscht worden war. Mit verschiedenen spezifischen Untersuchungsmethoden wurden in den Kotproben Wurm - und Leberegeleier und Lungenwurmlarven erfasst (2).

    Leberegel unterschätzt

    In vier der fünf Betriebe fanden die Untersucher vom BFAV in unterschiedlichem Ausmaß Infektionen mit Fasciola hepatica (Großer Leberegel). Bei der Bewertung der Befunde ist zu berücksichtigen, dass das gewählte Diagnoseverfahren nicht sehr empfindlich ist. Nach Hinweisen aus der Literatur werden durch die Sedimentation nur 30% der mit dem Kot ausgeschiedenen Leberegeleier erfaßt. Zudem schwankt die Eiausscheidung von Tag zu Tag und auch im Verlauf eines einzelnen Tages. Es muss daher angenommen werden, dass das Vorkommen in den Herden unterschätzt wird (2).

    Eine andere, 1996 im Einzugsbereich des Staatlichen Veterinäruntersuchungsamtes Potsdam durchgeführte Studie stellte bei Rindern ebenfalls Leberegelbefall fest. Daraus folgt, dass mit dem Unterbleiben wirksamer Hygienemaßnahmen (Auszäunen feuchter Stellen mit Zwischenwirtbefall, Befestigung von Tränkstellen), die anscheinend oft aus vordergründigen wirtschaftlichen Erwägungen nicht mehr durchgeführt werden, einer Ausbreitung der Leberegel Vorschub geleistet wird (2).

    Ivermectin nicht ausreichend

    Auch gehen offenbar viele Betriebsleiter fälschlich davon aus, dass die für die strategische Bekämpfung von Magen-Darm-Nematoden verwendeten Arzneimittel (z.B. Ivermectin) auch ausreichend gegen Leberegel wirksam seien. Dies ist aber nicht der Fall. Zur Elimination müssen spezifische Wirkstoffe wie das in Deutschland zugelassene Triclabendazol eingesetzt werden (4, 5). Es ist zu befürchten, dass bei einer weiteren Verbreitung von Leberegelinfektionen erhebliche wirtschaftliche Verluste eintreten können, welche die Einsparungen, die durch das Unterlassen weidehygienischer Maßnahmen erzielt werden, bei weitem übertreffen (2).


    Grafik 1: Vorkommen der Infektion mit dem Großen Leberegel
    (Fasciola hepatica) bei Rindern in Mutterkuhhaltung in Brandenburg und Sachsen-Anhalt (2).
    (Die Balken zeigen die geschätzte Prävalenz sowie die obere Grenze des 95 %-Konfidenzintervalls an.
    Betrug die geschätzte Prävalenz 0 %, gibt der Fehlerindikator den maximalen Anteil infizierter Tiere auf der Basis
    des beprobten Anteils der Herde bei 5 % Irrtumswahrscheinlichkeit an)

    In Mecklenburg-Vorpommern

    In den Jahren 2000-2002 wurden in Mecklenburg-Vorpommern (M-V) 1537 Blutproben aus 183 Mutterkuhbeständen mittels eines serologischen Tests (ELISA) auf Leberegel-Antikörper (Fasciola hepatica-AK) untersucht. Pro Bestand wurde meist eine Stichprobe von 10 Tieren untersucht, kleinere Stichproben wurden in die Auswertung ebenfalls einbezogen (1). Die Ergebnisse sind in den Tabellen 1 und 2 dargestellt.

    Tab. 1: Nachweis von Fasciola hepatica-AK in Rinderherden in M-V 2000-2002

    Jahr
    Anz.
    untersuchte
    Bestände
    Anz.
    positive
    Bestände
    %
    positive
    Bestände
    Anz.
    untersuchte
    Proben
    Anz.
    positive
    Proben
    %
    positive
    Proben
    2000
    59
    24
    41
    437
    112
    26
    2001
    84
    38
    45
    714
    202
    28
    2002
    40
    18
    45
    383
    94
    24
    ges.
    183
    80
    44
    1534
    408
    27

    Tab. 2: Befallsextensität innerhalb der befallenen Herden

    Jahr Herden mit bis 20% pos. Proben Herden mit 21- 50% pos. Proben Herden mit 51-80% pos. Proben Herden mit >80% pos. Proben % pos. Proben pro befallene Herde im Mittel
    2000 5 = 21 % 3 = 12 % 4 = 17 % 12 = 50 % 56
    2001 9 = 24 % 10 = 26 % 6 = 16 % 13 = 34 % 59
    2002 7 = 39 % 3 = 17 % 3 = 17 % 5 = 28 % 51
    2000-2002 21 = 26 % 16 = 20 % 13 = 16 % 30 = 38 %  

    Die Untersucher (1) ziehen folgernde Schlußfolgerungen:

  • Mit über 40% befallener Bestände in allen drei Untersuchungsjahren übersteigt die Infektionsrate
        der Bestände die Erwartungen. Fast jeder zweite Bestand ist befallen!
  • In den befallenen Beständen waren im Mittel mehr als 50% der untersuchten Rinder betroffen.
  • Im Jahr 2000 waren in der Hälfte der befallenen Bestände > 80 % der untersuchten Rinder betroffen.
  • Aufgrund der Befunde muss damit gerechnet werden, dass der Leberegelbefall in den Mutterkuhbeständen
        von Mecklenburg-Vorpommern zu Leistungseinbußen und Schlachtverlusten führt (1).
  • Literatur

      (1) Bähnisch, S. aid PresseInfo Ausgabe Nr. 38/02 v. 19.09.2002
      (2) Franz J. Conraths, Gereon Schares und Kerstin Wacker (Wusterhausen) Parasiteninfektionen in Mutterkuhherden Forschungsreport: Verbraucherschutz - Ernährung - Landwirtschaft 1/2002 (Heft 25)
      (3) Ulrike Hacker, Margit Konow, Carola Wolf, F. Rehbock (2003) Untersuchungen zur Erfassung des Leberegelbefalls in Mutterkuhherden Mecklenburg - Vorpommerns Infoheft des FRV (Fleischrindzuchtverband) I/2003
      (4) McKellar, Q.A. u. L.D.B. Kinabo (1991): The pharmacology of flukicidal drugs Br. Vet. J. 147, 306-314
      (5) Boray JC, Crowfoot PD, Strong MB et al (1983): Treatment of immature and mature Faciola hepatica infections in sheep with triclabendazole. Vet Rec 113: 315-317