Leberegel bei Rindern Animal Health-Online Survey
  

Leberegel: Angriff auf die "Stoffwechselzentrale"

Dr. Manfred Stein, Gyhum

Die Leber ist "das" zentrale Stoffwechselorgan des Körpers, daß für eine Vielzahl von wichtigen Körperfunktionen verantwortlich ist. So hat wiederum eine Schädigung dieses Organs weitgreifende und sehr unterschiedliche Folgen. Ein geringer oder mittelgradiger Befall mit Leberegeln verursacht, besonders bei älteren Tieren, in der Regel keine deutlichen oder typischen Krankheitserscheinungen. Dies verleitet den Nichtfachmann gelegentlich dazu, den Leberegel erheblich zu unterschätzen. Zudem wird immer wieder durch unkontrollierten Zukauf der große Leberegel "Fasciola hepatica" in bisher nicht betroffene Betrieb und Regionen eingeschleppt. Nicht zuletzt dem bieten die jetzt häufiger favorisierten extensiven Haltungsformen dem Leberegel bessere Lebensbedingungen.

Bohrgänge

Erste Anzeichen einer Erkrankung stellen sich im Spätherbst und Winter ein. In diesem Zeitraum durchdringen die Metazerkarien im Bereich des Duodenums (vorderer Dünndarm) die Darmwand und dringen innerhalb weniger Tage über die Bauchhöhle in das Lebergewebe und schließlich in die Gallengänge ein. Die Schäden an der Darmwand sind nur gering und werden durch Fibrinauflagerung verschlossen. Beim Eindringen in die Leberkapsel wird diese perforiert. Bei massivem starkem Befall kann es zu Peritonitis (Bauchfellentzündung) mit einer Verklebungen der Leber mit den umgebenden Organen kommen. Die frischen Bohrgänge sind mit zerstörten Leberzellen und Blut gefüllt. Sie sind mit bloßem Auge als braunrote Schlängelungen an der Oberfläche der Leber (2). Die Bohrgänge vernarbten und sind dann als Verhärtungen im Lebergewebe zu erkennen.


Abbildung: vernarbte, weißlich-gelbe Bohrgänge

Jungegel, die im Lebergewebe absterben, können vernarben und knotige oder zystenartigen Gebilden hervorrufen. Die weitaus auffälligeren Veränderungen bei einer Fasciolose entstehen in den Gallengängen. Durch den bis zu einem Jahr andauernden Aufenthalt der erwachsenen Egel kommt es zu einer entzündlichen Verdickung der Gallengangschleimhaut. Als Ursache wird eine mechanische Reizung der Schleimhaut durch die rauhe, mit Dornen besetzte Körperoberfläche Egels angenommen.


Abbildung: Leberegel in Gallengang
Aus "Liver Fluke in Sheep and Cattle" von KG Ross & J Armour,
The Unit for Veterinary Continuing Education, 1983

Zudem scheiden Egel große Mengen der Aminosäure Prolin aus. Die Substanz führt ebenfalls zu einer Verdickung der Gallengänge und zu einer perilobulären Fibrose.

Die Entzündung der Gallengänge läßt flüssiger Blutbestandteile in die Gallengänge austreten. Dies führt zu einer Hypalbuminämie (unzureichende Eiweißgehalte im Blut), die sich äußerlich bei den Tieren als Ödeme an Kehlgang, Brust und Unterbauch sowie Aszites (Bauchwassersucht) zeigt (2). Die Aussscheidungsprodukte des Leberegels sammeln sich als braun-schwarze Konkremente in den Gallengängen an, die sich durch Verkalkung zu einer festen Auskleidung der Gallengänge verfestigen können.


Abbildung: Verkalkte Gallengänge

Klinisches Bild

Fasciolose kann in akuter, subakuter und chronische Verlaufsform auftreten. Die akute Form ist selten. Sie tritt gelegentlich in den Spätsommer- und Herbstmonaten sogenannter Leberegeljahre bei der massenhaften Wanderung der jungen Egel durch Bauchhöhle und Lebergewebe auf. Bei akut erkrankten Tiere kann es zu tödlich verlaufende Bauchfellentzündungen, Leberinsuffizienz, Gelbsucht und Anämie kommen. Ebenso treten Verdauungsstörungen wie Durchfall oder Verstopfung auf. Die Körpertemperatur ist mit 39 bis 40°C erhöht. In diesem Stadium lassen sich noch keine Leberegeleier im Kot nachweisen.


Abbildung: Rind, akute Fasciolose

Leberegelstadium Früh-unreif , unreif Reif
Krankheitsbild Akut Subakut Chronisch
Symptome x Trifft zu    
Tod x x x
Appetitlosigkeit x x x
Apathie x x x
Atemnot x x  
Bauchschmerzen x x  
Schneller Verfall der Tiere x    
Verwerfen   x  
Abmagerung   x x
Blässe   x x
Leistungsabfall   x x
Kümmern     x
Stumpfes Haarkleid      
Bauchwassersucht     x
Flaschenhals     x

Häufig chronisch

Die chronische Fasciolose wird durch die geschlechtsreifen Egel in den Gallengängen verursacht. Diese Verlaufsform ist die häufigste beim Rind. Typische Krankheitserscheinungen, wie Wachstumsstillstand, Abmagerung und rauhem Haarkleid, meistens im Spätherbst, treten eher bei Jungvieh auf. Hier sind gelegentlich sogar Todesfälle möglich. Dies ist unter anderem durch den schlechten Pflegezustand viele Rinder - und Kälberweiden zu erklären. Die Rinder zeigen eine verminderte Fresslust, Abmagerung, Apathie und Leistungsrückgang, die sich im Verlauf des Winters steigern. Die Leber kann vergrößert oder schmerzhaft. Im Spätstadium der Erkrankung treten Gelbsucht, Ödeme an Unterbrust, Triel und Kehlgang auf. Die Tiere können an Untertemperatur, Fieber, chronischem Durchfall oder Verstopfung leiden. Leberegelinvasionen können Rinder gegenüber Salmonelleninfektionen empfänglicher machen und das Risiko für eine Dauerauscheidung erhöhen.

Milchkühe erkranken seltener. Auffällig ist bei ihnen eine Häufung von Milchfieber, Stoffwechsel- und Fruchtbarkeitsstörungen, eine mangelhafte Milchleistung und Nachgeburtsverhalten. Diese Probleme werden oftmals aber nicht mit einem Leberegelbefall in Zusammenhang gebracht und es wird jahrelang mit enormem Kostenaufwand an Symptomen herumkuriert. Auch bei ganzjähriger Stallhaltung (Laufstall) können Kühe durch mit Kapsellarven kontaminiertes Gras, Silage (Silierung < 30 Tage) oder (nassem) Heu (Lagerung < 6 Monate) infiziert werden.


Abbildung: Trielödem

Naturnah

Extensive Formen der Rinderhaltung zur Fleischgewinnung wie die Mutterkuhhaltung haben in den letzten zehn Jahren in Deutschland eine beträchtliche Bedeutung erlangt. In Ostdeutschland zum Beispiel befinden sich rund 15 % der Rinder in Mutterkuhhaltung. Zahlreiche Mutterkuhbetriebe wirtschaften dabei nach Regeln des ökologischen Landbaus. Darüber hinaus bestehen im ökologischen Landbau zumindest gegenüber der prophylaktischen Verwendung bestimmter Stoffe oder Stoffgruppen Vorbehalte (3). Dies und "naturnahe", extensive Haltungsformen begünstigen die Verbreitung des grossen Leberegels. Förderliche Bedingungen sind insbesondere:

  • Extensive, oft ganzjährige Weidehaltung der Rinder ohne Standortwechsel und Weidepflege,
  • Nutzung von natürlichen Gewässern ohne ausreichende Befestigung des Uferbereiches zur Wasserversorgung der Bestände,
  • fehlende Umzäunung der an die Weiden grenzenden Gewässer und Feuchtgebiete,
  • Nutzung der Tiere zur Landschaftspflege u.a. in schwer zugänglichen Feuchtgebieten,
  • Renaturierungs- und Naturschutzmaßnahmen, die zur Vernässung von Weideflächen führen,
  • milde Winter und häufige Niederschläge im Sommer,
  • unzureichende Diagnostik des Leberegelbefalls (fehlende oder unregelmäßige Auswertung von Schlachtbefunden,
        keine kontinuierliche Herdenüberwachung) (1).
  • In den Jahren 2000-2002 wurden in Mecklenburg-Vorpommern (M-V) 1537 Blutproben aus 183 Mutterkuhbeständen mittels eines serologischen Tests (ELISA) auf Leberegel-Antikörper (Fasciola hepatica-AK) untersucht. Pro Bestand wurde meist eine Stichprobe von 10 Tieren untersucht, kleinere Stichproben wurden in die Auswertung ebenfalls einbezogen (1). Die Ergebnisse sind in den Tabellen 2 und 3 dargestellt.

    Tab. 2: Nachweis von Fasciola hepatica-AK in Rinderherden in M-V 2000-2002

    Jahr
    Anz.
    untersuchte
    Bestände
    Anz.
    positive
    Bestände
    %
    positive
    Bestände
    Anz.
    untersuchte
    Proben
    Anz.
    positive
    Proben
    %
    positive
    Proben
    2000
    59
    24
    41
    437
    112
    26
    2001
    84
    38
    45
    714
    202
    28
    2002
    40
    18
    45
    383
    94
    24
    ges.
    183
    80
    44
    1534
    408
    27

    Tab. 3: Befallsextensität innerhalb der befallenen Herden

    Jahr Herden mit bis 20% pos. Proben Herden mit 21- 50% pos. Proben Herden mit 51-80% pos. Proben Herden mit >80% pos. Proben % pos. Proben pro befallene Herde im Mittel
    2000 5 = 21 % 3 = 12 % 4 = 17 % 12 = 50 % 56
    2001 9 = 24 % 10 = 26 % 6 = 16 % 13 = 34 % 59
    2002 7 = 39 % 3 = 17 % 3 = 17 % 5 = 28 % 51
    2000-2002 21 = 26 % 16 = 20 % 13 = 16 % 30 = 38 %  

    Die Untersucher (1) ziehen folgernde Schlußfolgerungen:

  • Mit über 40% befallener Bestände in allen drei Untersuchungsjahren übersteigt die Infektionsrate
        der Bestände die Erwartungen. Fast jeder zweite Bestand ist befallen!
  • In den befallenen Beständen waren im Mittel mehr als 50% der untersuchten Rinder betroffen.
  • Im Jahr 2000 waren in der Hälfte der befallenen Bestände > 80 % der untersuchten Rinder betroffen.
  • Aufgrund der Befunde muss damit gerechnet werden, dass der Leberegelbefall in den Mutterkuhbeständen
        von Mecklenburg-Vorpommern zu Leistungseinbußen und Schlachtverlusten führt (1).
  • Literatur

      (1) Ulrike Hacker, Margit Konow, Carola Wolf, F. Rehbock (2003) Untersuchungen zur Erfassung des Leberegelbefalls in Mutterkuhherden Mecklenburg - Vorpommerns Infoheft des FRV (Fleischrindzuchtverband) I/2003
      (2) Schnieder, T. (2000): Helminthosen der Wiederkäuer in: M. Rommel, J. Eckert, E. Kutzer, W. Körting u. T. Schnieder (Hrsg.): Veterinärmedizinische Parasitologie. 5. Aufl. Verlag Parey, Berlin, Hamburg. S. 192-295
      (3) Franz J. Conraths, Gereon Schares und Kerstin Wacker (Wusterhausen) Parasiteninfektionen in Mutterkuhherden Forschungsreport: Verbraucherschutz - Ernährung - Landwirtschaft 1/2002 (Heft 25)
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