Fasziolose beim Rind: Situation in der Schweiz

G. Schweizer, Departement für Nutztiere der Universität Zürich 03.11.2003

Prävalenz

Zur Prävalenz der bovinen Fasziolose wurden in der Schweiz in den vergangenen 30 Jahren mehrere Studien durchgeführt. Eckert et al. (1975) untersuchten an zwei Schlachthöfen die Galle von Rindern auf Eier von Fasciola hepatica. Sie fanden bei insgesamt 1496 untersuchten Rindern eine Prävalenz von 15.0 %. Anfang der 90er Jahre wurden in einer Studie die Lebern und Gallenblasen von 2033 Schlachtrindern aus der gesamten Schweiz auf grosse und kleine Leberegel untersucht (Ducommun und Pfister, 1991). Fasciola hepatica wurde bei 2.2 % der männlichen und bei 16.4 % der weiblichen Tiere gefunden. Die durchschnittliche Prävalenz betrug 10.9 %.

Die aktuellste Studie wurde an einem Schlachthof in der Ostschweiz durchgeführt. Dort wurden insgesamt 3267 Lebern von Schlachtrindern auf Leberegel untersucht. Ein Befall mit dem grossen Leberegel konnte bei 8.4 % der Tiere festgestellt werden (Schweizer et al., 2003a). Aufgrund dieser Ergebnisse scheint die Prävalenz von Fasciola hepatica in den letzten 30 Jahren leicht abgenommen zu haben. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass die früheren Untersuchungen auf dem Nachweis von Leberegeleiern in der Galle beruhten, während sich die aktuellsten Ergebnisse auf die Leberuntersuchung stützen. Aufgrund der höheren Nachweisrate bei Untersuchungen der Galle auf Leberegeleier um ca. 13 % (Braun et al., 1995), dürfte es sich nur um einen scheinbaren Prävalenz-Rückgang handeln.

Wirtschaftliche Verluste

Die wirtschaftlichen Verluste entstehen in Form von reduzierter Milch- und Mastleistung, reduzierter Fruchtbarkeit und der Leberkonfiskate (Hope Cawdery et al., 1977, Oakley et al., 1979, Randell und Bradley, 1980, Genicot et al., 1991). Bei der Milchleistung entstehen Einbussen bis zu 18.3 %, bei der Mastleistung bis zu 28.0 %. Im Weiteren müssen Kühe mit Fasziolose 0.63 häufiger besamt werden und haben ein um 13 Tage verlängertes Serviceintervall als nicht befallene Tiere. Der Rinderbestand in der Schweiz umfasste 2001 148.480 Masttiere und 711.000 Milchkühe. Eine theoretische Schätzung der wirtschaftlichen Einbussen mittels Monte Carlo Simulation ergab folgende medianen Verluste pro Jahr (Schweizer et al., 2003b):

- Durch verminderte Milchleistung: EUR 38.324.905
- Durch verlängertes Serviceintervall: EUR 14.353.778
- Durch mehr Besamungen: EUR 3.058.167
- Durch verminderte Fleischproduktion: EUR 332.909
- Durch Leberkonfiskate: EUR 111.810

Die gesamten geschätzten medianen Schäden in der Schweiz belaufen sich auf EUR 56.675.890 pro Jahr bzw. auf EUR 376 pro infiziertes Tier pro Jahr.

Problembewusstsein der Landwirte

Um herauszufinden, ob betroffene Landwirte sich der Parasitose bei ihren Tieren überhaupt bewusst sind, wurden 87 Betriebe aus 11 Schweizer Kantonen auf das Vorkommen von Fasciola hepatica untersucht: Auf 55 Betrieben konnte der grosse Leberegel nachgewiesen werden, 32 Rinderherden waren dagegen frei von Fasziolose.
Die Ergebnisse dieser noch unveröffentlichten Arbeit zeigen, dass die Mehrheit der betroffenen Landwirte nicht wusste, dass ihre Kühe mit Fasciola hepatica befallen waren: Nur knapp ein Fünftel (18.2 %) der Befragten wusste tatsächlich von dem Befall. Allerdings waren auch gut ein Viertel (28.1 %) der nicht betroffenen Betriebsleiter der Ansicht, dass ihre Tiere an Fasziolose leiden. Diese Vermutung basierte hauptsächlich auf dem häufigen Konfiszieren der Lebern bei Schlachttieren. Werden also von Schlachttieren eines Betriebes die Lebern regelmässig verworfen - die genauen Gründe sind den Landwirten meist nicht bekannt - wird Fasziolose oft als Ursache angenommen. Es findet daraufhin aber keine weitere Abklärung statt.
Nur drei von 11 Landwirten, denen der Befall bekannt war, hatten Massnahmen gegen die Parasitose ergriffen. Die anderen Betriebsleiter waren der Meinung, es sei entweder nicht nötig oder nicht möglich, den Leberegelbefall zu bekämpfen. Die Tatsache, dass zwischen 1992 und 1997 durchschnittlich nur 1.7 % der Milchkühe in Schweiz mit Triclabendazol behandelt wurden (Novartis, persönliche Mitteilung) - obwohl die Prävalenz bei dieser Tiergruppe 16.4 % beträgt (Ducommun und Pfister, 1991) - untermauert weiter, dass die Mehrzahl der Landwirte das Problem entweder nicht kennt, oder der Ansicht ist, eine Bekämpfung sei nicht möglich oder nötig.


Literatur:

BRAUN, U., WOLFENSBERGER, R. & HERTZBERG, H. (1995)
Diagnosis of liver flukes in cows - a comparison of the findings in the liver, in the feces, and in the bile.
Schweizer Archiv für Tierheilkunde 137, 438-444.
DUCOMMUN, D. & PFISTER, K. (1991)
Prevalence and distribution of Dicrocoelium dendriticum and Fasciola hepatica infections in cattle in Switzerland.
Parasitology Research 77, 364-366.
ECKERT, J., SAUERLÄNDER, R. & WOLFF, K. (1975)
Häufigkeit und geographische Verbreitung von Fasciola hepatica in der Schweiz.
Schweizer Archiv für Tierheilkunde 117, 173-184.
GENICOT, B., MOULIGNEAU, F. & LEKEUX, P. (1991)
Economic and production consequences of liver fluke disease in double-muscled fattening cattle.
Journal of Veterinary Medicine B 38, 203-208.
HOPE CAWDERY, M. J., STRICKLAND, K. L., CONWAY A. & CROWE P. J. (1977)
Production effects of liver fluke in cattle. I. The effects of infection on live-weight gain, feed intake and food conversion efficiency in beef cattle.
British Veterinary Journal 133, 145-159.
OAKLEY, G. A., OWEN, B. & KNAPP, N. H. H. (1979)
Production effects of subclinical liver fluke infection in growing dairy heifers.
Veterinary Record 104, 503-507.
RANDELL, W. F. & BRADLEY, R. E. (1980)
Effects of hexachlorethane on the milk yields of dairy cows in North Florida infected with Fasciola hepatica.
American Journal of Veterinary Research 41, 262-263.
SCHWEIZER, G., PLEBANI, G.F. & BRAUN, U. (2003a)
Prävalenz von Fasciola hepatica und Dicrocoelium dendriticum beim Rind: Untersuchung in einem Ostschweizer Schlachthof.
Schweizer Archiv für Tierheilkunde 145, 177-179.
SCHWEIZER, G., BRAUN, U., DEPLAZES, P. & TORGERSON, P. (2003b)
Estimating the financial losses due to bovine fasciolosis in Switzerland.
Veterinary Record, im Druck.


© Copyright animal-health-online