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EHS: Tod ohne Zeugen
Plötzliche Todesfälle bei Mastschweinen und Sauen
Typisch ist, daß immer nur einzelne oder einige wenige Tiere sterben. Gut entwickelte Mastschweine und Sauen erkranken aus voller Gesundheit unter den Anzeichen eines Schocks bzw.
Kreislaufversagens mit Taumeln, Lähmungen, Festliegen und Blässe der Haut. Selten zeigt sich zuvor ein blutiger Durchfall, der dann mit der Serpulinen - Dysenterie verwechselt wird. Da die
Tiere sehr rasch sterben, wird der Todeskampf selten beobachtet. Auffällig ist bei den verendeten Tieren der aufgeblähte Leib und die schnell einsetzende Verwesung.

EHS: Der Darm ist blutgefüllt und aufgebläht
Bei der Sektion in einem Untersuchungsamt findet man einen aufgeblähten und um die vordere Gekrösewurzel verdrehten Dünn- und Dickdarm. Der Dünndarm ist blutgefüllt,
offensichtlich sind die Tiere in den Darm verblutet, was zur Bezeichnung "Enterohämorrhagische Syndrom (EHS)" führte. Bei einer Laboruntersuchung wird häufig der Erreger "Clostridium
perfringes Typ A, C, D " isoliert. Dieser toxinbildende Keim wird neben Hefen für die Gasbildung und die rasche Zersetzung der Tierkadaver verantwortlich gemacht.

Clostridium perfringens unter dem Mikroskop
Vorkommen und Ursachen
Die Krankheit kommt sowohl in Mast und Zuchtbetrieben Nordamerikas als auch Mitteleuropas vor. Die genaue Ursache ist letztlich noch nicht aufgeklärt, obwohl man Zusammenhänge zum
Auftreten von bestimmten Schadfaktoren und Managementfehlern herstellen kann. Auffällig ist, daß das EHS häufig, aber nicht ausschließlich in Mastbetrieben auftritt, die Molke
und andere Abfälle aus der Lebensmittelverarbeitung verfüttern. Gelegentlich wird deshalb für das EHS auch der Begriff "Molkesyndrom" verwendet.
Futterwechsel
Krankheitsförderliche Faktoren sind eine rasche Futterumstellung und das Verfüttern großer Eiweiß- und / oder Kohlehydratmengen, die dann unverdaut in den Dünndarm
gelangen, wo es dann zu einer explosionsartigen Vermehrung von Clostridien kommt. Bekanntlich schwankt die Zusammensetzung der Molke ganz erheblich, da häufig auch noch Speisequark, Milch und
Butterreste beigemischt werden.
Hefen
Daneben kann aber auch ein höherer Gehalt an Hefen im Futter für eine massive Gasbildung und damit Aufgasung des Darmes verantwortlich gemacht werden. Bei Fütterungsversuchen
verursachte ein Gehalt an Hefen von nur 106 KBE (koloniebildende Einheiten) pro Gramm Mischfutter bei Mastschweinen Durchfälle und Darmaufgasungen mit tödlichem Ausgang. Hier ist an CCM und
an andere stärkereiche und feuchte Futtermittel zu denken, da diese Futtermittel den Hefen optimale Entwicklungsbedingungen bieten.
Bakterielle Zersetzungsprodukte
Durch den Verderb von Futterinhaltsstoffen wird das Futter nicht nur im Nährwert gemindert, sondern es entstehen durch die Stoffwechselaktivität von Bakterien und Hefen eine Reihe von
pharmakologisch hochwirksamen Verbindungen, die vielfältige Wirkungen im Schwein entfalten.
| Tab. 1: Mikroorganismen im Flüssigfutter und deren Stoffwechselprodukte (Nagel, 1998) |
| Mikroorganismen |
Produkte aus Zucker |
Produkte aus Eiweiß |
| Hefen |
Ethanol (Alkohol)
CO2 |
|
| Milchsäurebakterien |
Milchsäure
Essigsäure
Ethanol (Alkohol)
CO2 |
biogene Amine
( z. B. Histamin,
Tyramin ) |
| Enterobacteriaceen |
Ameisensäure
Bernsteinsäuren
Butandiol
Essigsäure
Milchsäure
H2, CO2 |
Bitterpeptide
biogene Amine
Ammoniak
Schwefelwasserstoff
andere Schwefelverbindungen |
| Tab 2: Mögliche Auswirkungen ausgewählter mikrobieller Stoffwechselprodukte auf Schweine (Nagel, 1998) |
| Substanz |
Wirkung |
| CO2 |
Aufgasen nach Futteraufnahme, verringerte Futteraufnahme, Unruhe, Todesfälle |
| Ammoniak |
verringerte Schmackhaftigkeit des Futters |
| Schwefelwasserstoff |
drastisch verringerte Schmackhaftigkeit des Futters, Bindung von Eisen u. anderen Metallen durch Bildung von Metall - Sulfiden |
| Biogene Amine: |
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| Histamin |
Blutdrucksenkung,
allergische Erscheinungen,
erhöhte Magensaftsekretion,
verringerte Futteraufnahme |
| Tyramin |
Blutdruckanstieg, Unruhe, Durchfall, Hautrötung, verringerte Futteraufnahme |
Darmparasiten und Mycotoxine
Aber auch ein Befall mit Darmparasiten (Spulwürmer und Coccidien), Mycotoxine im Futter, unhygienische
Haltungsbedingungen und die Überbelegung der Stallungen kann krankheitsbegünstigend wirken.

Schimmel im Labor auf Petrischalen
Unzureichende Futter- pH- Werte?
Über den Zusatz von Säuren zum Futter wurde viel berichtet. Der Erfolg mit dem Säurezusatz schwankt von "sensationell gut" bis "eher bescheiden".
Handelsübliche Futtermittel ( Mehle u. Pellets ) und hofeigene Mischungen haben nach eigenen Messungen des Autors ein pH - Wert von etwa 5,7 bis 6,2. Zwar mischen viele Mischfutterhersteller
ihren Futtermitteln Säuren zu und den Selbstmischern werden für viel Geld Säurezusätze verkauft, aber merkwürdigerweise werden die notwendigen pH - Werte um 4,5 im Futter
häufig nicht erreicht. Und eines sollte man sich klar machen: Ein Futter mit dem pH - Wert 4,5 ist 10 mal saurer als ein Futter mit dem pH - Wert 5,5 (!). Eine schnelle Absenkung des pH - Wertes
ist aber für eine rasche Magenpassage, zur Abtötung von unerwünschten Bakterien und zur Aktivierung von Verdauungsenzymen notwendig.
Hierbei spielt die sogenannte Säurebindungskapazität, insbesondere der Eiweißträger und der Mineralstoffe, eine entscheidende Rolle. Futtermittel
mit einer hohen Säurebindungskapazität (SBK) neutralisieren nicht nur zugesetzte Futtersäuren, sondern auch die Magensäure.
| Tabelle 3: Orientierungswerte zur Säurebindungskapazität von Einzel und
Mischfuttermitteln. |
| Futtermittel |
SBK
( meq/kg ) |
Futtermittel |
SBK
( meq/kg ) |
| Weizen |
370 |
Mineralfutter o. Phytase |
|
| Gerste |
344 |
Ferkel |
4600 - 6600 |
| Mais |
373 |
Mast |
> 7500 |
| Triticale |
465 |
Zucht |
> 7500 |
| Roggen |
366 |
|
|
| Hafer |
402 |
|
|
| Haferflocken |
348 |
|
|
| Weizenkleie |
854 |
Mineralfutter m. Phytase |
|
| Sojaschrot NT |
1240 |
Ferkel |
4500 5800 |
| Sojaschrot HP |
1353 |
Ferkel Diät |
3500 |
| Fischmehl |
1454 |
Mast |
3900 |
| Kartoffeleiweiß |
1072 |
Zucht |
4300 |
| Tiermehl 50 |
3912 |
|
|
| Tiermehl 55 |
4658 |
|
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| Bierhefe |
1241 |
Ferkelfutter |
|
| Ackerbohnen |
813 |
hofeigen |
750 - 900 |
| Erbsen |
678 |
Handel |
850 - 1000 |
| Lupinen |
1056 |
Diät |
550 - 650 |
| Magermilchpulver |
1444 |
|
|
| Molkepulver |
1052 |
|
|
| Kaseinpulver |
912 |
|
|
| Rapssamen |
878 |
|
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| Rapskuchen |
1195 |
|
|
| Grünmehl / Cobs |
1067 |
|
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| CCM |
414 |
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(Quelle: Dr. H. Lindermeyer, Bayrische Landesanstalt für Tierzucht, Grub)
| Tabelle 4: Berechnung der Säurebindungskapazität ( SBK ) eines Ferkelfutters. Ziel: Reduzierung der SBK auf < 700 meq / kg im
Ferkelfutter. |
| Komponente |
SBK / kg |
Anteil |
SBK meq |
| Mineralfutter o. Phytase |
4600 6600 |
3 % |
138,0 198,0 |
| Sojaschrot NT |
1240 |
20 % |
248,0 |
| Gerste |
344 |
35 % |
120,4 |
| Weizen |
370 |
40 % |
148,0 |
| Weizenkleie |
854 |
5 % |
42,7 |
| Summe |
100 % |
697,1 - 757,1 |
Wie Tabelle 3 zeigt, läßt sich für alle Futterkomponenten, die Säurebindungskapazität angeben. In Zukunft sollte es Standart sein, daß der Hersteller eines
Mineralfutters auf der Deklaration die SBK angibt. So kann der Landwirt die SBK seiner Futter berechnen, wobei der Wert nicht über 700 meq SBK / kg Futter liegen sollte. Unser
Berechnungsbeispiel in Tabelle 4 zeigt, daß insbesondere durch die Auswahl des richtigen Mineralfutters die SBK eines Futters entscheidend beeinflußt wird, denn im Mineralfutter befinden
sich häufig Komponenten mit hoher SBK wie Kalziumcarbonat und Magnesiumoxid.
Wasser verdünnt Magensäure
Schweine, die flüssig gefüttert werden, nehmen zwangsläufig große Wassermengen auf, so daß hierdurch die Magensäure erheblich verdünnt und neutralisiert
wird.
Problem Rohfaser
Zur Verhinderung des EHS werden Rohfaseranteile von etwa 4,5% in der Ration empfohlen. Leider wird es immer schwieriger, diese Empfehlung zu befolgen. Währen z.B. Gerste in Tabellenwerken mit
etwa 4,6 % Rohfaser angegeben sind, liefern moderne Hochleistungssorten nur etwa 1,9 % Rohfaser, da bei der Zucht auf einen großen Mehlkörper Wert gelegt wurde. Hier muß mit
Weizenkleie (Mycotoxine?), Sonnenblumenschalen oder unkonventionellen Rohfaserträgern wie Citrustrester, Leinsamen - oder
Rapsschrot der Rohfasergehalt in der Ration angehoben werden, ohne daß die Akzeptanz leidet.
Prophylaxe durch phytogene Futterzusatzstoffe?
Natürliche phytogene (pflanzliche) Verdauungsförderer wie z.B. das Ergänzungsfuttermittel Phytolan®
(Fa. Bioptivet, Hamm) unterstützen die Darmtätigkeit. Durch Anregung der Verdauungsorgane wird die
Sekretion von Magen - und Gallensaft erhöht. Die Verdauung wird so optimiert, es fallen so weniger
schädliche Stoffwechselmetaboliten an. Auf der anderen Seite ist eine gestörte Verdauung Wegbereiter für
eine Massenvermehrung von pathogenen Mikroorganismen und Endoparasiten, die dann wiederum Darmerkrankungen
hervorrufen. Viele pathogene Mikroorganismen kommen ständig im Darm gesunder Tiere (und Menschen) vor. Erst
eine gestörte Verdauung bietet den Schadkeimen eine Möglichkeit zur Massenvermehrung.
Hygiene!
Auf Flüssigfutterbetrieben gilt:
- Futter erst vor der Fütterung anmischen
- Spülen der Ringleitungen mit Propionsäure
- Verkrustungen am Trogauslauf und Rand des Mischbehälters beseitigen, da diese "Gebilde" mit Keimen und
Schimmelpilzen verseucht sind
- Schwimmdecken auf Molketanks vermeiden! Regelmäßige Reinigung!
Breifutterautomaten müssen ebenfalls regelmäßig von schimmelnden und faulenden Ablagerungen gereinigt werden.
| Tab 5: Empfehlungen mikrobiologischer Richtwerte für Flüssigfutter |
| Mikroorganismen |
noch akzeptabel |
Warnwert |
nicht akzeptabel |
| aerobe Kolonienzahl* |
107 |
108 |
109 |
| Enterobacteriaceen |
103 |
104 |
105 |
| Lactobacillen |
106 |
107 |
108 |
| Hefen |
106 |
107 |
108 |
| Schimmel |
104 |
105 |
106 |
| Aminosäuren - abbauende Lactobacillen |
103 |
104 |
105 |
| pH - Wert |
4,2 - 4,8 |
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< 4,0 / > 5,0 |
* Gesamtkeimzahl
Werte pro Gramm oder Milliliter Flüssigfutter
Natürlich müssen durch eine regelmäßige Entwurmung der Ferkel beim Einstallen und durch Futterkonservierung d. h. Vermeidung einer Mykotoxinbildung die weiteren krankheitsförderlichen Faktoren ausgeschlossen werden.

Getreide muß sofort nach der Ernte konserviert oder getrocknet werden
Fazit
Einen Einfluß auf die Zusammensetzung von Molke und anderen Restmengen aus der Lebensmittelverarbeitung ist nur schwerlich möglich, so daß alle anderen oben beschriebenen
Prophylaxeverfahren ausgeschöpft werden sollten. Trotzdem sind diese Reststoffe preiswerte und hochwertige Futterkomponente, die richtig eingesetzt, die Rentabilität der Schweinemast
deutlich verbessern können. Zudem ist die Verwertung dieser Restmengen aus der Lebensmittelverarbeitung ein Gebot des Umweltschutzes.
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