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Wegwerfen von Lebensmitteln vs. hungernde Bevölkerung – Ineffizient und unmoralisch? IAMO Policy Brief 7 hinterfragt aktuelle Studienergebnisse zur Problematik

Halle, Saale (IAMO) – Zurzeit intensiv in der Öffentlichkeit wahrgenommene
Studien kommen zu dem Ergebnis, dass rund ein Drittel der für den
menschlichen Verbrauch produzierten Lebensmittel verloren gehen oder
weggeworfen werden. Gleichzeitig leiden etwa 925 Millionen Menschen
nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der
Vereinten Nationen (FAO) an Hunger und Unterernährung. In diesem
Zusammenhang wirft die derzeitige Diskussion in der Öffentlichkeit die
Frage auf, ob das weltweite Hungerproblem gelöst werden könnte, wenn in
den wohlhabenden Ländern verantwortungsvoller mit Lebensmitteln umgegangen
wird. Im IAMO Policy Brief 7 überprüft Ulrich Koester, Professor an der
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, diese aktuelle Fragestellung und
geht auf moralische Aspekte sowie mögliche Lösungsansätze ein.

Anlass für die intensive Debatte war das Ergebnis einer Studie zur
Qualifizierung der Abfälle von Lebensmitteln, die im März 2012 vom
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in
Auftrag gegeben wurde. Die Studie besagt, dass allein in Deutschland
jährlich knapp 11 Millionen Tonnen Lebensmittel von Industrie, Handel,
Großverbrauchern und Privathaushalten entsorgt werden. In einem Vier-
Personen-Haushalt entstehen beispielsweise Lebensmittelverluste in Höhe
von rund 940 Euro pro Jahr. Mit dieser Zahl soll implizit angegeben
werden, welche Wohltaten man den armen Menschen antun könnte, wenn
sorgsamer mit Lebensmitteln umgegangen werden würde. Nach der Auffassung
von Koester ist diese Interpretation jedoch nicht angemessen, da mit dem
Kauf nicht nur Bestanteile der Agrarrohprodukte, sondern auch
komplementäre Sach- und Dienstleistungen erworben werden.

Das Wegwerfen von Lebensmittel bedeutet, dass ein Teil der aufgewendeten
Ressourcen für deren Produktion vergeudet wird. Würde man auf jeder Stufe
der Wertschöpfungskette das Angebot besser an den tatsächlichen Bedarf
anpassen, könnten daraufhin Lebensmittelabfälle verringert werden. Jedoch
ist es fraglich, ob Maßnahmen wie vermehrte Warenlieferungen an
Einzelhändler und häufigere Einkäufe der Konsumenten, die ebenfalls einen
erheblichen Ressourcenaufwand an Zeit sowie Fahrt- und Transportkosten
benötigen, wirklich zur gesellschaftlichen Wohlfahrt beitragen.
Entsprechend Koesters Ansicht ist es daher irreführend zu unterstellen,
dass die in den Studien ermittelten Lebensmittelabfälle im vollen Umfang
tatsächlich eine Vergeudung von Ressourcen beinhaltet.

In der Diskussion wird implizit unterstellt, dass die nicht genutzten
Lebensmittel in den reichen Ländern den hungernden Menschen in anderen
Ländern zur Verfügung stehen könnten. Es kann allerdings eine Tonne
weniger Lebensmittel nicht mit einer Tonne mehr Lebensmittel in armen
Ländern gleichgesetzt werden. Die Abfälle in reichen Ländern entstehen bei
anderen Lebensmitteln als von den Hungernden gewünscht werden. Des
Weiteren wären die verringerten Abfälle nicht kostenlos in die armen
Länder zu transferieren. Das grundlegende Problem liegt in der nicht
ausreichenden Qualität und Produktionsmenge von Lebensmitteln in armen
Ländern sowie ungenügenden Kaufkraft, um sich diese leisten zu können.
Langfristig müssen in diesen Regionen Anreize geschaffen werden, um mehr
zu produzieren.

In der Tat ist das Wegwerfen von Lebensmittel für viele Menschen ein
moralisches Problem, da die Hungernden in armen Ländern nicht einmal ihre
Grundbedürfnisse befriedigen können. „Dennoch führt der Verzicht des
Wegwerfens auf der einen Seite nicht automatisch zu einem gleich hohen
zusätzlichen Verzehr auf der anderen Seite. Es wäre zukünftig eine
verdienstvolle Aufgabe, politische Vorgaben und wirtschaftliches Handeln
im Hinblick auf Moral und Hunger in der Welt zu untersuchen“, so Professor
Ulrich Koester.

Die ausführliche Argumentation zum Thema können im IAMO Policy Brief 7
eingesehen werden.

In der Publikationsreihe IAMO Policy Brief werden in loser Folge
gesellschaftlich relevante Forschungsergebnisse des Leibniz-Instituts für
Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO) kurz und
allgemeinverständlich aufbereitet und der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht. Zielgruppe sind insbesondere Entscheidungsträger der Politik,
Medienvertreter und die breite Öffentlichkeit.

Weiterführende Informationen zu den Studien

FAO (2011): Food Losses and Food Waste, Extent, Causes and Prevention.
Study conducted for the International Congress SAVE FOOD! at Interpac.
Düsseldorf, Germany.

Universität Stuttgart Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und
Abfallwirtschaft (2012): Ermittlung der weggeworfenen Lebensmittelmengen
und Vorschläge zur Verminderung der Wegwerfrate bei Lebensmitteln in
Deutschland.

Über das IAMO

Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO)
ist eine international anerkannte Forschungsreinrichtung. Mit über 60
Wissenschaftlern und in Kooperation mit anderen renommierten Instituten
widmet es sich wichtigen Fragen der Agrar- und Ernährungswirtschaft und
der ländlichen Räume. Hauptuntersuchungsregionen sind Mittel- und
Osteuropa sowie Zentral- und Ostasien. Seit seiner Gründung 1994 gehört
das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-
Gemeinschaft an.

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