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Fleischesser sterben – Vegetarier auch! Ungerechtfertigte Panikmache in Sachen (rotes) Fleisch

(ugo) – Die Bilder und die Überschriften sprechen bereits für sich: Da brutzelt angekohltes Fleisch auf dem Grill und die Headline etwa der Süddeutschen online warnt vor den angeblichen „Folgen der Fleischeslust“, als da wären der vorzeitige Tod durch Infarkt und Krebs. Auch auf Spiegel online und in vielen internationalen Medien wird gewarnt, „jede zusätzliche Tagesportion Rind, Schwein oder Lamm“ würde „das Risiko eines Herzinfarkts oder einer Krebserkrankung“ steigern.

Anlass dieser Meldungen ist eine aktuelle Vorabveröffentlichung der Harvard Universität im Medizinjournal Archives of Internal Medicine. Die Harvard-Forscher hatten die Daten von rund 120.000 Männern und Frauen aus ihren beiden großen Studien, der „Health Professionals Follow-Up Study“ und der „Nurses Health-Study“, daraufhin analysiert, ob sich ein statistischer Zusammenhang zwischen dem Verzehr von rotem Fleisch und der Gesamtsterblichkeit sowie der Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs fände. Man wurde fündig. Und nach vielen Berechnungen wurde verkündet, der Konsum einer zusätzlichen Portion roten Fleisches oder roter Fleischwaren täglich erhöhe das Sterberisiko um 13 bzw. 20 Prozent. Andererseits, so die Schätzungen der Autoren, würde das Sterberisiko um 7 bis 19 % sinken, wenn täglich eine Protion rotes Fleisch oder Fleischwaren durch „gesündere“ Eiweißquellen wie Fisch, Geflügel, Nüsse, Hülsenfrüchte, fettarme Milchprodukte oder Vollkornprodukte ersetzt werde. Würden alle nur rund 42 g rotes Fleisch täglich essen, ließen sich über 9 % der Todesfälle bei Männern und knapp 8 % bei den Frauen verhindern.

Doe Oecotrophologin Ulrike Gonder meint dazu:

Und der Zeitgeist ist glücklich. Zumal in einem Kommentar zur Studie auch noch der Magerkost-Pabst Dean Ornish schwadronieren darf, was gut für einen selbst sei, sei auch gut für den Planeten, womit er selbstredend den Verzicht auf rotes Fleisch meint. In einem Esoterik-Magazin hätte mich das nicht gewundert – aber in den Archives of Internal Medicine, das ist schon starker Tobak. Man fragt sich, ob jetzt auch die Herausgeber von medizinischen Fachjournalen vor der „heiligen Kuh“ Vegetarismus einknicken. Wo bleibt der Sachversand? Wo die kritischen Nachfragen oder eine vernünftige Einordnung dieser Studie?

Die britische Ernährungswissenschaftlerin Zoe Harcombe ist eine der kritischen Stimmen, die es jedoch gestern nicht in die Presse schafften – offenbar ist man in den Redaktionen nicht an einer sachlichen Auseinandersetzung interessiert. Harcombe benennt in ihrem Blog einige Kritikpunkte der Harvard-Studie, unter anderem folgende:

  • Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, erlauben die Daten nur Aussagen über Korrelationen. Es ist nicht zulässig, daraus einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang abzuleiten.
  • Das Sterberisiko der Teilnehmerinnen und Teilnehmer beider Studien war sehr gering, denn innerhalb von 28 Jahren starben weniger als 1 % der Probanden. Bei einem derart geringen Risiko ist eine relative Erhöhung um 13 oder auch 20 % ebenfalls minimal. Daraus große Headlines zu basteln und den Leuten Angst vorm Fleischessen zu machen, sei „science at its worst“.
  • Wer am meisten Fleisch aß, bewegte sich am wenigsten, aß die meisten Kalorien, rauchte mehr, hatte geringere Cholesterinwerte. Ob dies alles bei der statistischen Auswertung angemessen berücksichtigt wurde, bleibt fraglich. Zudem wurden andere wichtige Einflüsse wie der Konsum von Weißbrot (Hamburger, Sandwiches und Hot dogs sind die bevorzugten „Fleischmahlzeiten“ vieler Amerikaner), Softdrinks, Margarine oder Ketchup nicht berücksichtigt.

Dem kann ich nur zustimmen. Erwähnt sei auch noch Prof. Dr. Richard Feinman, Biochemiker und Gründer der amerikanischen Nutrition & Metabolism Society, der zu den Studienergebnissen nur lapidar anmerkte: Bei Daten, die per Fragebogen erhoben wurden, bedeuten Risikosteigerungen unter 1000 % rein gar nichts.
Erwähnt sei noch, dass relative Risikoerhöhungen im Bereich von 10 bis 20 %, wie in dieser Studie publiziert, üblicherweise als völlig unerheblich gelten. Sie sind sicher nicht geeignet, daraus Ernährungsempfehlungen abzuleiten. Zudem ist die von den Autoren versprochene Risikosenkung durch Austausch von rotem Fleisch durch Getreide, Nüsse oder Geflügel reine Theorie, ein Rechenmodell, mehr nicht. Nur eine Interventionsstudie könnte diese Frage beantworten.

Übrigens fand die Kollegin Harcombe heraus, dass beim Vergleich der Rohdaten das Sterberisiko mit steigendem Fleischverzehr zunächst sank (!) und nur beim zweithöchsten und höchsten Konsum anstieg. Ob ein mittlerer Konsum von rotem Fleisch amerikanische Krankenschwestern und Gesundheitsprofis eher schützt als ein geringer Verzehr? Das ist Spekulation – ebenso wie die Schlagzeilen, die diese Studie produzierte.

Besuchen Sie auch die Webseite von Ulrike Gonder.

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