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Sind Bio-Schweine Umweltschweine?

Aus den Europäischen Institut für Lebensmittel – und Ernährungswissenschaften, Hochheim

So wünschen sich Tier- und Umweltschützer die alternative Schweinehaltung: Rosige Schweinchen wuseln grunzend und quiekend im Stroh. Kein ätzender Ammoniakgeruch quält die empfindlichen Nasen des Borstenviehs. Die Umwelt wird geschont! Und so versprechen alternative Schweinehalter ihren Kunden Fleischgenuß mit ruhigem Umweltgewissen.

Und tatsächlich, aus bestimmten technisch und ökonomisch aufwendigen alternativen Haltungssystemen mit Einstreu und dem Zusatz von Fermentierhilfsstoffen entweichen im Vergleich zu Spaltenbodenhaltungen mit Güllekeller bis 30% weniger Ammoniak (1). Aber in anderen Einstreusystem (Tab. 2, Stalltyp 7 u. 8) werden höhere Ammoniakemissionen gefunden (3). In konventionellen Haltungssystemen kann durch die Umstellung von Voll- auf Teilspaltenböden mit Liegefläche die Ammoniakemissionen noch einmal um 40 % reduzieren (5).

Während Einstreumaterialien (Stroh, Holzschnitzel) nach der Verwendung offen als
"Misthaufen" (Rottemist) mit unkontrollierten Stickstoffemissionen (2) gelagert
werden, lassen sich durch die Abdeckung von Gülleoberflächen in Lagerbehältern (7, 8,
11) und durch eine moderne Gülle – Ausbringungsverfahren (9, 12, 15, 16) hohe
Minderungsraten bei den Schadgas- und Geruchsemissionen erreichen. Die Vergrößerung des
Güllelagerraums ist der wichtigste Ansatzpunkt, nicht nur um Ausbringungszeitpunkte
einhalten zu können, die zu geringen Stickstoff (Ammoniak) – Verlusten führen, sondern
zugleich, um die Ausbringungsmengen besser als bisher dem Düngebedarf anpassen zu können
(14, 16).

Die Nährstoffzufuhr pro Hektar Ackerfläche ist mit Miststreuwagen nur schwer
kalkulierbar, da das spezifische Gewicht von Festmist erheblich schwankt (12). Zudem wird
Stickstoff aus Mist deutlich schlechter von Pflanzen verwertet (14, Tab.: 3) als
Stickstoff aus Gülle. Es besteht also eher bei unsachgemäßer Ausbringung von Mist die
Gefahr, das Nitrat in das Grundwasser gelangt (14).

Ammoniak (NH3) gilt als Hauptschadgas aus der Tierhaltung (durchschnittl. 8 kg NH3 / GVE und Jahr) (15) und wird als Verursacher für den saueren Regen, Waldschäden, Auftreten von Pflanzenschäden in der Umgebung von intensiven Tierhaltungsbetrieben, extreme Algenblüte,

Vergrasung der Heide (4, 15, 16) verantwortlich gemacht. Die Folgen für Tiere von NH3
in der Stalluft sind reduzierte Gewichtszunahmen und Wirkung auf die Atemwege (15).

Neben Ammoniak emittieren Einstreusysteme im Gegensatz zu Spaltenbodenhaltungen mit
Güllekeller zehn mal mehr (+ 1000 %) (2) des "Ozonkillers" Lachgas (6, 13, 14).
Diese hohen Lachgasemissionen erhöhen zusammen mit Stickoxid – Emissionen (1) (ca. 5 %)
die gesamten Stickstoffemissionen durch alternative Einstreu – Haltungssysteme in die
Umwelt (1, Tab. 2). Die hohen Emissionen erklären sich neben der vergleichsweise hohen
Temperatur (2) in der Einstreu und dem ständigen Durchwühlen der Einstreu durch die
Schweine. Ebenso durch die Größe der emittierenden (Mist -) Fläche (2, 4, 10). Zudem
werden die meisten Alternativ – Schweine in sogenannten Offenställen gehalten, die durch
sehr hohe Luftwechselraten die Schadgase rasch aus dem Stall in die Umwelt verfrachten.
Sie werden durch den hohen Verdünnungsgrad kaum wahrgenommen, d. h. es stinkt nicht!

Ozonkiller Lachgas

Lachgas greift in die natürliche Ozonchemie ein, indem es der Stratosphäre Sauerstoff
entzieht, der so nicht mehr für die Ozonproduktion zur Verfügung steht. Ohne diese
Reaktion des Lachgases wäre etwa 25% mehr Ozon in der Stratosphäre vorhanden. Die
wichtigsten anthropogenen Quellen von Lachgas (N2O, Distickstoffoxid) sind
weltweit die Verbrennung von fossilen und biogenen Brennstoffen, die Verwendung von
stickstoffhaltigen Düngemitteln in der Landwirtschaft und wird natürlich bei der
bakteriologischen Zersetzung organischer Materie erzeugt.

Tab. 1: Ammoniak – und Lachgasemissionen im Vergleich (13)

Stalltyp Ammoniakemission

in kg / Tierplatz u. Jahr

Lachgasemissionen

in kg / Tierplatz u. Jahr

Spaltenboden

3,93

0,15

Envirozyme –
Tiefstreu

2,70 – 3,10

1,43 – 1,89

Ecozyme –
Tiefstreu

4,80

1,89

Tab. 2 Gasförmige Stickstoffemissionen in verschiedenen Haltungssystemen (1)

Stalltyp Gesamt – N – Verluste (Ammoniak u. Lachgas) in kg pro Umtrieb und
Mastschwein
1. Güllesystem 0,92
2. Tiefstreu mit Envirozyme 0,95*
3. Tiefstreu mit UMS-A-Ferm 1,23*
4. Tiefstreu mit Ecozyme 1,33*
5. Tiefstreu ohne Additiv, 70 cm tief 1,45*
6. Tiefstreu mit Bio-Aktiv-Pulver 1,55*
7. Tiefstreu ohne Additiv, 20 cm tief,
mit Nachstreuen
1,68*
8. Tiefstreu mit Ecozyme, 2 x
Mischen pro Woche
1,76*

* + 5% N – Verluste durch NO (Stickoxid)

Tab. 3 Mist verwertet Stickstoff schlechter (14)
Stickstoff (N) – Verwertung bei Rottemist und Gülle bei sachgerechter
Anwendung, ausgedrückt in Mineraldüngeraequivalenten (min. N = 100)
  Rottemist Gülle
N – Verwertung kurzfristig bei Getreide u. Mais 15 – 25 50 – 70
N – Verwertung kurzfristig bei Blattfrüchten 30 – 50 80 – 100
N – Verwerung langfristig 50 – 70 70 – 90

Fazit

Eine Vielzahl von Untersuchungen belegen, daß es ein in allen Punkten (Ökonomie, Tier
– und Umweltfreundlichkeit) befriedigendes Haltungssystem auf Grund von negativen
Wechselwirkungen für Schweine nicht gibt (10).

Eine ökologische Überlegenheit der (Rotte) – Mistwirtschaft gegenüber richtig
betriebener Güllewirtschaft ist m. E. nach dem derzeitigen Wissensstand nicht erkennbar
(14). Auch die viel beachteten Nitratausträge in das Grundwasser wären bei richtig
betriebener Güllewirtschaft besonders in Gebieten mit hohem Viehbestand geringer als bei
Rottemistwirtschaft.

Das Nachdenken über die Nützlichkeit einer Rückkehr zum Rottemist eröffnet keine
realen Möglichkeiten zur Minderung der Umweltbelastung. Es ist m. E. zu fragen, ob es
nicht manchmal nur ein nostalgischer Traum ist, der die wirklich gegebenen Möglichkeiten
vernebelt und die laufenden Bemühungen und Maßnahmen zur Minderung der Nitratbelastung
bremst.

Es kommt darauf an, die Stickstoffverwertung z.B. durch Multiphasenfütterung und den
Einsatz von Aminosäuren zu verbessern (14, 15, 16). Nur so können die Emissionen
gemindert werden, welche Wasser, Böden und Luft belasten.

Literatur

1. Hoy, St. et al.: " Untersuchungen zur Schweinehaltung ohne Gülleanfall nach
dem Tiefstreubettverfahren – Abschlußbericht", Uni – Leipzig, Sept. 1996

2. Krötz, W. u. G. Englert: "Entwicklung verfahrenstechnischer Maßnahmen für die
Verringerung der NH3 – Emission aus Festmist mit Hilfe eines
Systemmodells" 109. VDLUFA- Kongreß, Leipzig, 15.-19. September 1997
3. Hoy, St. et al.: " Ammoniak- und Lachgasemissionen: Auswirkungen verschiedener
Tiefstreuhaltungssystemen für Mastschweine", Landtechnik, 52, H. 1, S. 40-41,
1997

4. Oldenburg, J.: "Wirkungen der Ammoniakemissionen aus der Schweinehaltung und
Möglichkeiten zu ihrer Verringerung", Lohmann Information, Nov. / Dez, S. 1 – 7,
1992
5. Oldenburg, J.: "Geruchs – und Ammoniakemissionen aus der Tierhaltung", Staub
– Reinhaltung der Luft, 50, S. 189 – 194, 1990
6. Voermanns, J. A. M. et al.: "Erfahrungen und Ergebnisse mit Einstreusystemen aus
Versuchsställen und Praxisbetrieben in den Niederlanden", KTBL – Arbeitspapier 183,
"Haltung von Mastschweinen im Kompoststall", S. 106 – 110, 1993

7. Wanka, U. et al.: "Abdeckmaterialien für Lagerbehälter mit Schweinegülle im
Test", Landtechnik, 53, H. 1, S. 34-35, 1998
8. Ratschow, J.- W.: " …damit die Gülle weniger stinkt. Möglichkeiten der
Geruchsminderung bei Flüssigmistsystemen", DGS, 46, H. 7, S. 20 – 24, 1994
9. Schürer E. u. P. Reitz: " Emissionen von Ammoniak und Lachgas: Einfluß des
Ausbringverfahrens von Flüssigmist", Landtechnik, 53, H. 1, S. 36-37, 1998

10. Hesse, D. et al.: " Sind tier- und umweltfreundliche Systeme möglich?", DGS
– Magazin, Woche 23, S. 44 – 48, 1997
11. Koch, F. u. A. Winter: "Güllelagerung: Lagerkapazitäten schaffen",
Schweinewelt, 23, H. 3, S. 18 – 21, 1998
12. Kowalewsky, H.-H.: " Fest – u. Flüssigmisttechnil: Lagern – Aufbereiten –
Ausbringen" Schweinewelt, 23, H. 1, S. 17 – 19, 1998

13. Hoy, St. et al.: "Zur Bestimmung von Konzentration und Emission tier – und
umwelthygienisch relevanter Gase bei verschiedenen Schweinehaltungssystemen mit Hilfe des
Multigasmonitoring", Berl. Münch. Tierärztl. Wschr. 109, S. 46 – 50, 1996
14. Vetter, H.: "Rottemist ökologisch besser als Gülle?", Landwirtschaftsblatt
Weser-Ems, 140, H. 29, S.19-22, 1993
15. Mehlhorn, G.: "Ammoniak als Schadgas für die Tiere und die Umwelt",
Wirtschaftliche Tierproduktion mit Schweineproduzent, 24, H. 5 S., 144-149, 1993

16. Steffens, G.: "Emissionen aus Tierhaltungsbetrieben und Moeglichkeiten zu deren
Verringerung", VDLUFA-Schriftenreihe, Nr. 32, S. 57-78, 1990