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Rätsel um Taubensterben gelöst: Wissenschaftler entdecken neuen Krankheitserreger.

Berlin (FU) – Die Fälle waren mysteriös. Immer wieder hatten Berliner Taubenzüchter in den vergangenen Jahren beobachtet, wie sich ihre wertvollen Tiere zunächst unkoordiniert bewegten, nicht mehr richtig fliegen konnten und dann innerhalb kurzer Zeit verendeten. Ganze Bestände edler Brieftauben kamen auf diese Weise zu Tode. Schließlich wandten sich die Züchter an die Tierärzte des Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin. Sie wollten endlich wissen, was hinter dem rätselhaften Taubensterben steckt.

„Anhand der Symptome hätten Tierärzte aus Erfahrung eigentlich zwei andere, sehr ähnliche verlaufende Taubenkrankheiten diagnostizieren können: Salmonellose und Paramyxovirose“, sagt Achim Gruber vom Institut für Tierpathologie.

„Erst bei der Untersuchung der Gewebeproben zeigten sich ganz andere Muster als erwartet.“ In den Muskeln der Tauben hatten sich – eigentlich nicht ungewöhnlich bei anderen Tieren – Parasiten eingenistet. Philipp Olias, Mitarbeiter von Achim Gruber, fand Millionen von Einzellern vor, die im Muskelgewebe Zysten gebildet hatten. Das Erstaunliche daran: Deren genetischer Fingerabdruck war in keiner Datenbank und in keinem Lehrbuch verzeichnet. Damit stand fest, dass die in Berlin vorgefundene Parasitenart bislang nirgendwo auf der Welt bekannt war.

Die Wissenschaftler tauften den Erreger, eine Sarkozystenart, auf den Namen Sarcozystis calchasi – in Anlehnung an die Figur Kalchas aus der griechischen Mythologie, die im Trojanischen Krieg einem Habicht hilft, eine Taube zu schlagen. Olias, Gruber und Michael Lierz vom Institut für Geflügelkrankheiten erkannten nämlich, dass die Tauben nur Zwischenwirte des Parasiten sind. In ihrem Gewebe lauert er längere Zeit, bevor er eine Hirnentzündung auslöst, die das Tier immer mehr schwächt. Es wird zur leichten Beute für Greifvögel wie Habichte, Bussarde und Falken. Auf sie ist der Parasit eigentlich ausgerichtet: „Frisst ein Raubvogel eine erkrankte Taube, nistet sich der Parasit über Jahre in dessen Darmzellen ein. Er vermehrt sich dort und scheidet in großer Zahl Sporen aus“, sagt Gruber. Mit dem Kot der Greifvögel, der ins Trinkwasser oder Futter gelangen kann, infizieren sich dann weitere Tauben. „Um die Verbreitung des Parasiten zu stoppen, müsste man auf der Welt sämtliche Tauben von den Greifvögeln trennen“, sagt Gruber mit Blick auf die heimtückische Krankheit, die nur zwischen den beiden Arten auftritt. Hochspezialisiert wie der Parasit ist, kann er anderen Tieren und Menschen offenbar nichts anhaben.

Impfungen für Tauben wären denkbar – und notwendig. Denn die Krankheit greift um sich: Nach den wissenschaftlichen Veröffentlichungen der Berliner Tierpathologen wurde der Erreger 2011 erstmals in den USA nachgewiesen. „Noch ist die Herkunft des Ausbruchs in Berlin ungeklärt“, sagt Gruber. Aber dass der Mensch die Ausbreitung begünstigt, steht für den Wissenschaftler fest: Durch den Brieftaubensport und die Falknerei reisen Tiere heute weltweit, fremde Arten begegnen sich. „Ihr Zusammentreffen verbreitet und verändert Krankheiten und lässt neue entstehen“, sagt Gruber – ganz ähnlich wie beim Aids-Virus, das erst nach Kontakten des Menschen mit bestimmten Affenarten zum Problem wurde.

Dass bei toten Tieren in weiten Teilen der Welt – anders als in Berlin – nicht genauer hingesehen wird, ist dem Experten zufolge eine der Ursachen, warum die Bundeshauptstadt bislang die meisten Fallzahlen des neuen Taubenparasiten aufweist. Umso begrüßenswerter ist es, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Tierpathologen der Freien Universität und ihre Kooperationspartner an der Klinik für Geflügel in Gießen in den nächsten Jahren bei der weiteren Erforschung der Sarkosporidiose unterstützt.

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