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PRDC & Co.: die 18-Wochen-Schallmauer

Von Dr. Manfred Stein

In allen Bereichen der Schweineproduktion entstehen durch Lungenerkrankungen wirtschaftliche Schäden in Millionenhöhe. Analysen in Schlachtbetrieben zeigen immer wieder, dass durchschnittlich 30 bis 50 % der Schlachtschweine Lungenschäden nach Atemwegserkrankungen aufweisen. In manchen Partien sind bis zu 90 % der Tiere betroffen. Die größten ökonomischen Auswirkungen von Lungenerkrankungen der Schweine werden nicht durch Totalverluste infolge von Verendungen der Tiere, sondern durch indirekte Verluste hervorgerufen. 60 bis 70% der wirtschaftlichen Schäden resultieren aus der Störung des Wachstumsablaufes und verminderten Mastendgewichten der erkrankten Tiere (5). Oft handelt es sich um Probleme, die mit einer gewissen Regelmäßigkeit im Bestand wiederkehren.




Maulatmung kurz vor dem Verenden

Die ökonomische Bedeutung erstreckt sich aber nicht nur auf die Tageszunahmen, sondern betrifft auch die Fruchtbarkeitsleistung der Jung- und Altsauen. Durch die Lungenentzündungen kann der Anteil geschlechtsreifer Jungsauen beim Beginn der geplanten Zuchtbenutzung um mehr als 10 % verringert sein. Lungenkranke Sauen erzielen im Mittel aller Würfe nahezu ein lebendgeborenes Ferkel pro Wurf weniger als gesunde Sauen. Besonders deutlich treten die leistungsmindernden Einflüsse auf die Reproduktionsleistung mit zunehmendem Alter der Sauen zutage. Sowohl bei den Sauen als auch den Mastschweinen kommt dem Herkunftsbetrieb hinsichtlich der Häufigkeit und des Schweregrades der Erkrankung ein hoher Stellenwert zu (5).

Krankheitskomplexe

Oft handelt es sich bei den Atemwegsinfektionen um sogenannte Faktorenerkrankungen, an deren Entstehung eine Reihe verschiedener Einflussfaktoren beteiligt sind. Eine wichtige Rolle spielt insbesondere die Interaktion verschiedener Erreger (2,3) bei gleichzeitigem Einwirken verschiedener Umfeldbedingungen (1,6) sowie die Infektionsanfälligkeit des Tieres. Häufig liegen deshalb keine klar zuzuordnenden Krankheitsbilder, sondern Krankheitskomplexe vor (7). Klinisch manifeste Erkrankungen kommen hierbei insgesamt weitaus weniger häufig vor als subklinische Erkrankungen (1,4). Der Versuch, eine Diagnose nur auf Grund von Befunden einer rein klinischen Untersuchung zu stellen, kann deshalb nicht von Erfolg gekrönt sein.
Insbesondere das Porzine Respiratorische Reproduktions-Syndrom (PRRS), der „Porcine Respiratory Disease Complex“ (PRDC) sowie die Enzootische Pneumonie (EP) und die Progressive Atropische Rhinitis (PAR) werden zu den infektiösen Faktorenerkrankungen gerechnet (6, 8).

PRDC

Als den PRDC (Porcine Respiratory Disease Complex) bezeichnet man das gehäufte Auftreten von Atemwegserkrankungen um die 18.-20. Lebenswoche. Dieser Krankheitskomplex ist aus ökonomischer Sicht sehr bedeutsam und ist durch Fieber, Abgeschlagenheit, Fressunlust, Husten und Atemnot gekennzeichnet (13) Mischinfektionen mit verschiedenen Erregern wie z. B. Mycoplasma hyopneumoniae, Pasteurella multocida, Actinobacillus pleuropneumoniae und Streptococcus suis sowie Viren wie dem Influenza-A-Virus, PRRS-Virus und dem Porzinen Respiratorischen Coronavirus (PRCV) und anderen Erregern werden hierfür verantwortlich gemacht (3,12). Eine Reihe von Untersuchungen belegen, dass durch das gleichzeitige Vorkommen verschiedener Mycoplasmen, Bakterien und Viren das Krankheitsbild sowohl deutlich verschlimmert als auch zeitlich ausgedehnt wird. Dies ist für Mycoplasmen und das PRRS-Virus belegt (14). Es gilt auch für das gleichzeitige Auftreten des PRRS-Virus und des Influenza-A-Virus (15).

PRDC – Die Folgen

Der PRDC hat erhebliche Leistungsdepressionen und erhöhte Tierverluste zur Folge (13).
Das Wachstum ist um bis zu 20% vermindert (16), die durchschnittlichen Tageszunahmen sogar bis zu 35% und die Futterverwertung um bis zu 29% mit entsprechender Verlängerung der Mastdauer (16)
und dem Auseinanderwachsen der Tiere.



Tab. 1. Einkommensverlust pro Mastplatz bei einer täglichen Wachstumsminderung von 100 g.,
Quelle: DLV BU dier. (Dienst Landbouw Voorlichting = Dutch agricultural advice agency)

Wirtschaftliche Verluste entstehen bereits bei 10% betroffenen Lungengewebes (17).

Umgerechnet:

  • bis zu 1,24 € pro Tier bei 10% iger Lungenschädigung
  • bis zu 7,06 € pro Tier bei 21-30% iger Lungenschädigung
  • bis zu 17,14 € pro Tier bei über 50% iger Lungenschädigung


    verlängerte Mastdauer

    Abb. 1. Verzögerte Mastdauer durch das PRDC

    PRRS

    Auch PRRS wird zu den infektiösen Faktorenerkrankungen gezählt. In Bezug auf Atemwegserkrankungen ist das PRRS-Virus beteiligt an dem Auftreten chronisch rezidivierender Pneumonien bei Mastschweinen, die zunehmend an Bedeutung gewinnen (9). Das PRRS-Virus befällt die Lungenmakrophagen und schädigt die Zilienfunktion des Bronchialepithels. Die Entstehung der Pneumonie ist als entzündlicheReaktion auf die Infektion der Alveolarmakrophagen zu sehen (3). Diskutiert wird auch eine Beteiligung an der „Porzinen nekrotisierenden und proliferativen Pneumonie“ (PNP) (9,10). Typisch ist ein wechselhafter Krankheitsverlauf über mehrere Wochen mit fieberhafter Pneumonie, Augen- und Nasenausfluss. Die Krankheitssymptome beginnen bei den einzelnen Tieren eines Bestandes nicht gleichzeitig, klingen nach mehreren Wochen aber fast zeitgleich ab (9).

    PAR

    Für die Progressive Atropische Rhinitis (PAR) werden als ursächliche pathogene Erreger toxinbildende Stämme von Pasteurella multocida angesehen (11). Bordetella bronchiseptica hat in diesem Zusammenhang eine Schrittmacherfunktion für die Ansiedlung der Pasteurellen (9). Gewöhnlich verläuft die Erkrankung in einem Bestand enzootisch, resistenzmindernde Faktoren wie ein mangelhaftes Stallklima, Virusinfektionen und bakterielle Sekundärinfektionen beeinflussen den Verlauf und begünstigen das Auftreten (11). Das PAR tritt insbesondere im Winter auf (9). Eine alleinige Infektion mit Bordetella bronchiseptica hat lediglich eine Nasenmuschelhypoplasie bei jungen Ferkeln um die 6. Lebenswoche zur Folge (9,11). Bei Mastschweinen zeigt sich bei Fällen von PAR lediglich eine schlechtere Futteraufnahme bei Tieren mit starker Deformation der Oberkieferknochen oder häufigeres Niesen infolge des Futterstaubes.

    Einflussfaktoren

    Die Auswirkungen der PRDC und anderen Atemwegserkrankungen hängen sehr stark von äußeren Einflüssen ab. Deshalb unterscheiden sich die Symptome von Betrieb zu Betrieb, teilweise sogar zwischen den verschiedenen Ställen. Aus diesem Grund müssen sowohl vom Tierarzt als auch vom Landwirt nachstehende Faktoren beachtet werden:

  • Absetzalter
  • Produktionssystem
  • Umwelteinflüsse
  • Biosecurity
  • die im Einzelfall beteiligte Erreger
  • Bestandsgröße
  • Einzeltiere

    Konsequent handeln

    Die großen wirtschaftlichen Auswirkungen von Atemwegserkrankungen erfordern konsequente Bekämpfungsmaßnahmen. Auf der einen Seite müssen die Risikofaktoren bei der Haltung wie der Zukauf von Tieren aus verschiedenen Herkünften, Transport- und Klimabelastungen, ungenügende Lüftung und hohe Belegungsdichte beseitigt werden. Andererseits lassen sich viele Erkrankungen durch Impfprogramme wirksam bekämpfen. Allerdings setzt ein wirksamer Impfschutz die Kenntnis des oder der Erreger(s) und die gezielte Auswahl des Impfstoffes voraus (5).

    Literatur:

    (1) Christensen, G., u. J. Mousung (1992):
    Respiratory System.
    In: A. D. Leman, B.E. Straw, W.L. Mengeling, S.D’Allaire u. D. J. Taylor
    (eds.): Diseases of Swine
    Wolfe Publishing Ltd., London, England, S. 138-162

    (2) Eger, S. (1999):
    Praktische Erfahrungen bei der Bekämpfung von Atemwegserkrankungen in Thüringen unter besonderer Berücksichtigung von A.pp.
    In: P. Otto (Hrsg.): Bekämpfung bakterieller Infektionen – eine ständige Aufgabe des gesundheitlichen Verbraucherschutzes.
    Bundesgesundheitsbl.-Gesundheitsforsch.-Gesundheitsschutz 42, S. 930-931

    (3) Gosse Beilage, E. (1999):
    Klinische und serologische Verlaufsuntersuchungen zu Prävalenz, Inzidenz und Interaktion viraler und bakterieller Infektionen des Respirationstraktes von Mastschweinen.
    Hannover, Tierärztliche Hochschule, Habil.-Schrift.

    (4) Henning-Pauka, I. (1999)
    Erreger-Wirt-Interaktionen bei der Actinobacillus-pleuropneumoniae-Infektion des Schweines.
    In: P. Otto (Hrsg.): Bekämpfung bakterieller Infektionen – eine ständige Aufgabe des gesundheitlichen Verbraucherschutzes.
    Bundesgesundheitsbl.-Gesundheitsforsch.-Gesundheitsschutz 42, S. 927-929

    (5) Hoy, S. (2001)
    Atemwegserkrankungen bei Rindern und Schweinen: Ökonomische Bedeutung
    In: Atemwegserkrankungen bei Rindern und Schweinen 3. Auflage; Januar 2001

    (6) Loeffen, W. (2001):
    Respiratory disease, a production balancing act.
    In: Pig Progress, Elsevier International Business Information, 6/2001, S. 4-6

    (7) Ohlinger, V. F., C. Bischoff u. S. Pesch (1999):
    Porzines Circovirus Typ II und seine Bedeutung für die Schweineproduktion.
    In: P. Otto (Hrsg.)
    Bekämpfung bakterieller Infektionen – eine ständige Aufgabe des gesundheitlichen Verbraucherschutzes.
    Bundesgesundheitsbl.-Gesundheitsforsch.-Gesundheitsschutz 42, S. 940-942

    (8) Hörügel, K (1999):
    Multisite-Produktion – eine Verfahrensgestaltung zur Bekämpfung respiratorischer Erkrankungen.
    In: P. Otto (Hrsg.): Bekämpfung bakterieller Infektionen – eine ständige Aufgabe des gesundheitlichen Verbraucherschutzes.
    Bundesgesundheitsbl.-Gesundheitsforsch.-Gesundheitsschutz 42, S. 932-933

    (9) Zimmermann, W., u. H. Plonait (2001):
    Erkrankungen des Atmungsapparates.
    In: K. H. Waldmann u. M. Wendt (Hrsg.): Lehrbuch der Schweinekrankheiten.
    4. Aufl., Parey Verlag, Berlin, S. 111-148

    (10) Benfield, D. A., J. E. Collins, A. L. Jenny u. T. J. Loula (1992):
    Porcine Reproductive and Respiratory Syndrome.
    In: A. D. Leman, B.E. Straw, W.L. Mengeling, S.D’Allaire u. D. J. Taylor
    (eds.): Diseases of Swine.
    Wolfe Publishing Ltd., London, England, S. 756-762

    (11) De Jong, M. F. (1992):
    Progressive atrophic rhinitis.
    In: A. D. Leman, B.E. Straw, W.L. Mengeling, S.D’Allaire u. D. J. Taylor
    (eds.): Diseases of Swine.
    Wolfe Publishing Ltd., London, England, S. 414-435

    (12) Dee, S. A. (1997):
    Porcine respiratory disease complex: The 18th week wall.
    In: PIGS-MISSET, Vol. 13 Nr. 1, S. 18-19

    (13) Halbur, P. G. (1998)
    Porcine respiratory diseases. p. 1-10. In Proceedings of
    the 15th Congress of the International Pig Veterinary Society. Nottingham
    University Press, Nottingham, United Kingdom.

    (14) Thacker, E. L., P. G. Halbur, R. F. Ross, R. Thanawongnuwech, and B. J.
    Thacker. 1999.
    Mycoplasma hyopneumoniae potentiation of porcine reproductive
    and respiratory syndrome virus-induced pneumonia.
    J. Clin. Microbiol. 37:620-627.

    (15) Van Reeth, K., H. Nauwynck, and M. Pensaert. 1996.
    Dual infections of feeder pigs with porcine reproductive and respiratory syndrome virus followed by porcine respiratory coronavirus or swine influenza virus: a clinical and virological study.
    Vet. Microbiol. 48:325-335

    (16) Tubbs, R., Deen, J. Economics of respiratory and enteric diseases. Proc.AASP, 1997

    (17) Stevermer, E. Extension swine specialist, ret. lowa State University, 1996.

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