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Paratuberkulose / Morbus Crohn: Weiterer Forschungsbedarf

(bgvv) – Die Frage nach einem ursächlichen Zusammenhang zwischen der Paratuberkulose des Rindes (Johne’sche Krankheit) und der Morbus Crohn-Erkrankung des Menschen stand im Mittelpunkt eines Sachverständigengesprächs, zu dem das BgVV Human- und Veterinärmediziner aus Bundesinstituten, Bundesforschungsanstalten, Universitäten und Einrichtungen der amtlichen Lebensmittelüberwachung am 19. September 2001 nach Berlin eingeladen hatte. Die Experten schätzten einen ursächlichen Zusammenhang als eher unwahrscheinlich ein. Sie hielten es aber durchaus für denkbar, dass der Erreger der Johne’schen Krankheit, das Mycobacterium avium ssp. paratuberculosis (M. paratuberculosis), das Krankheitsbild von Morbus Crohn verschlimmern und bei einem Teil der Patienten möglicherweise ein mit auslösender Faktor gewesen sein könnte. Die Fachleute waren sich einig, dass die vorliegenden Daten für eine abschließende gesundheitliche Risikoabschätzung nicht ausreichen.

Bei der Morbus Crohn-Erkrankung des Menschen handelt es sich um eine chronische, unspezifische Darmentzündung, die alle Abschnitte des Verdauungstraktes betreffen kann. An der Entstehung kann eine Reihe von Faktoren beteiligt sein, darunter genetische, immunologische, diätetische und psychosoziale Faktoren. Die Beteiligung verschiedener Bakterienarten, darunter auch M. paratuberculosis, wird diskutiert. Drei bis sechs von 100.000 Menschen erkranken in Deutschland pro Jahr an dieser Darminfektion. Die Zahl ist in den letzten Jahren verhältnismäßig konstant geblieben.

Auch die John’sche Krankheit des Rindes ist eine chronisch verlaufende Darmerkrankung. Sie ist unheilbar und geht mit anhaltenden Durchfällen und fortschreitender Abmagerung der Tiere einher. Schon die Kälber infizieren sich über die Milch erkrankter Muttertiere oder nehmen die Mykobakterien über Futter und Wasser auf, das mit erregerhaltigem Kot verschmutzt ist. Die Erkrankung kommt weltweit vor und ist auch in deutschen Rinderbeständen verbreitet. Bundesweite Zahlen über den tatsächlichen Grad der Bestandsdurchseuchung liegen für Deutschland nicht vor. Es gibt keine repräsentativen Studien, auch, weil eine sichere Frühdiagnostik bislang nicht möglich ist. Die Experten wiesen aber darauf hin, dass M. paratuberculosis zunehmend zu einem Problem der Tiergesundheit und damit auch zu einem wirtschaftlichen Problem wird.

Für eine mögliche Beteiligung von M. paratuberculosis an der Entstehung oder Entwicklung von Morbus Crohn spricht, dass der Erreger bei einem Teil der Patienten nachgewiesen wurde (teilweise allerdings auch bei Gesunden) und dass erfolgreiche Behandlungen mit antimykobakteriellen Medikamenten beschrieben sind. Insgesamt sind die bisherigen Forschungsergebnisse aber widersprüchlich.

Weitgehend unbeantwortet ist die Frage nach der Exposition des Menschen gegenüber dem Erreger. Milch und Milchprodukte könnten kontaminiert sein, aber unter Umständen auch Gemüse, das auf „naturgedüngten“ Feldern gewachsen ist. In Großbritannien fand man das Mycobacterium paratuberculosis in pasteurisierter Milch aus dem Handel. Wissenschaftler der Bundesanstalt für Milchforschung in Kiel wiesen nach, dass die in Deutschland übliche Pasteurisierung der Milch die Keimzahl von M. paratuberculosis stark reduziert, dass die Erhitzung aber nicht ausreicht, um die Keime vollständig abzutöten. In welchem Umfang Milch und Milchprodukte in Deutschland das Mycobacterium paratuberculosis tatsächlich enthalten, konnte bislang nicht ermittelt werden.

Bevor eine abschließende Bewertung der gesundheitlichen Bedeutung von M. paratuberculosis für den Menschen insbesondere im Hinblick auf eine mögliche Beteiligung am Morbus Crohn-Geschehen möglich ist, muss eine Reihe offener Fragen beantwortet werden:

– Ist eine Infektion mit M. paratuberculosis am Krankheitsgeschehen des Morbus Crohn beteiligt?

– Sind die Stämme der Erreger, die bei an Paratuberkulose erkrankten Tieren gefunden werden, identisch mit denen, die bei Morbus Crohn-Patienten nachgewiesen werden?

– Sind antimykobakterielle Arzneimittel in der Therapie von Morbus Crohn wirksam, oder beruht die teilweise beobachtete Wirksamkeit der bislang eingesetzten Kombinationspräparate lediglich auf ihrem allgemeinen antibakteriellen Effekt?

– Wie hoch ist der Durchseuchungsgrad der deutschen Rinderbestände, auch im Hinblick auf mögliche regionale Unterschiede?

– Wie hoch ist der Grad der Kontamination von Milch und daraus hergestellten Lebensmitteln, und könnte der Einsatz anderer Technologien die Lebensmittel im Hinblick auf das Vorkommen von M. paratuberculosis sicher machen?

Zur Beantwortung dieser Fragen empfehlen die Experten die Durchführung der folgenden Studien:

– Vorkommen von Mycobacterium paratuberculosis bei Morbus Crohn-Patienten und mögliche Beteiligung am Krankheitsgeschehen

– regionaler Vergleich des Vorkommens von Paratuberkulose in Rinderbeständen mit Morbus Crohn-Erkrankungen beim Menschen

– Vergleich der aus Tier und Mensch isolierten Mycobacterium paratuberculosis-Stämme auf Stammidentität

– Definierte Infektionsversuche bei Tieren mit aus Morbus Crohn-Patienten isolierten Stämmen

– Bundesweites Monitoring von Tankmilchproben nach erfolgreicher Validierung eines serologischen Tests zur Identifizierung befallener Milchviehherden

– Untersuchung von Lebensmitteln auf das Vorkommen von Mycobacterium paratuberculosis

– Prüfung des Einsatzes lebensmitteltechnologischer Verfahren zur Eliminierung von M. paratuberculosis

Die Teilnehmer des Sachverständigengesprächs sprachen sich für eine enge Verknüpfung des Kompetenznetzwerks Morbus Crohn und des Netzwerks für lebensmittelbedingte Infektionskrankheiten, das am Robert Koch-Institut koordiniert wird, aus. Alle bereits vorliegenden Studien, die sich mit einem möglichen Zusammenhang zwischen der Paratuberkulose des Rindes und der Morbus Crohn-Erkrankung des Menschen befasst haben, sollen noch einmal ausgewertet werden. Eine kontrollierte Studie zum Einsatz antimykobakterieller Arzneimittel läuft in Kürze an. Mit Ergebnissen aus den oben genannten Studien rechnet die Expertengruppe wegen des zu erwartenden aufwendigen Studiendesigns und des (zeit)aufwendigen Erregernachweises nicht vor Ablauf von zwei Jahren. Die Notwendigkeit spezifischer Verzehrsempfehlungen wird zum gegenwärtigen Zeitpunkt von humanmedizinischer Seite nicht für erforderlich gehalten.

bgvv – Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin Thielallee 88 – 92, D – 14195 Berlin, Telefon: 01888/412-4300, Telefax: 01888/412-4970 Presserechtlich verantwortlich: Dr. Irene Lukassowitz 30/2001; 21. September 2001

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