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Das aktuelle aho-Interview: Tierschutz in der Ebermast

c-jaeger[Frau Dr. Cornelie Jäger] (aho) – Der gesetzlich festgelegte Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration Ende 2018 naht. Trotzdem liegt in Deutschland der Marktanteil von Jungebern bei unter 5 % aller Schweineschlachtungen. aho sprach mit der Veterinärmedizinerin Dr. Cornelie Jäger, Landesbeauftragte für Tierschutz Baden-Württemberg, über die unterschiedlichen Facetten der Ebermast:

aho: Erlauben Sie bitte zunächst eine Verständnisfrage: Was macht eine Landesbeauftragte für Tierschutz? Reagieren Sie auf Anfragen und Begehren oder sprechen sie auch selbständig Tierschutz-Themen an, die Sie als dringlich erachten?

Jäger: Beides gehört zu unseren Aufgabengebieten als Stabsstelle. Wichtig ist festzuhalten, dass wir eine rein beratende Einrichtung sind, dabei aber vollständig unabhängig agieren können und sollen. Das schließt auch eigenständige Medienarbeit ein, was mir die Möglichkeit gibt, Tierschutzthemen aufzubringen und nicht nur auf Anfragen oder bestehende Problemlagen einzugehen. Auch bei Vorträgen und Stellungnahmen reagieren wir nicht nur, sondern versuchen Themen aktiv in die Debatte einzubringen.

[Blutergüsse durch wiederholtes Aufreiten von Buchtengenossen. Die Klauen zeichnen sich deutlich ab]

aho: Seit einigen Jahren werden in Deutschland Eber gemästet. Dabei wird aus der Praxis immer wieder über Probleme mit dem tierarttypischen Eberverhalten berichtet: Rangordnungskämpfe, Beißereien, Aufreiten und hieraus resultierende Verletzungen und Totalverluste. Die ist auch in der internationalen Fachliteratur hinreichend dokumentiert. Haben wird uns durch den Verzicht auf die chirurgische Ferkelkastration nur ein anderes Tierschutzproblem eingehandelt?

Jäger: Vielleicht darf ich an dieser Stelle zunächst klarstellen: Es geht nicht darum, auf die Möglichkeit der chirurgischen Ferkelkastration zu verzichten, sondern die betäubungslose chirurgische Ferkelkastration abzulösen. Es ist allerdings zutreffend, dass die bei der Ebermast entstehenden Probleme häufig unterschätzt werden. Von Anfang an habe ich die Eingleisigkeit der Diskussion, also die Festlegung, hauptsächlich über Ebermast das Problem lösen zu wollen, bedauert. Ich halte es für essentiell, Alternativen zur Ebermast gleichrangig zu diskutieren. Nach meiner Ansicht sollte sehr viel stärker über die immunologische Kastration der männlichen Schweine debattiert und aufgeklärt werden. Diese Methode halte ich für den Königsweg. Als Lösungsansatz für Nischen wird außerdem weiterhin die chirurgische Kastration in Kombination mit einer geeigneten Narkose eine Rolle spielen. Ich möchte aber gleich an dieser Stelle nachschieben, dass ich die Isofluran-Narkose für nicht ausreichend halte.

Blutender Penis [Foto: Blutender Penis, Aufnahmedatum 2012]

aho: Kürzlich wurde die Dissertation von Frau Dr. Isernhagen (LMU München) veröffentlicht, die das Phänomen des Penisbeissens unter pubertierenden Mastebern dokumentiert. Erste Berichte waren bereits 2012 und danach wiederholt in der landwirtschaftlichen Presse, im Bayerischen Rundfunk und auch bei aho erschienen. Die Fotos und Schilderungen – Schmerzschreie, Krümmen, Blutungen, Abrisse des Penis – sind schauerlich. Darf man aus der Sicht einer Tierschützerin Masteber dieser Situation aussetzen?

Jäger: Das Phänomen des Penisbeissens ist nicht neu und auch das insgesamt ruppigere Verhalten der männlichen Schweine untereinander kann zum tierschutzrelevanten Problem werden. Der Anteil männlicher Tiere mit älteren und aktuellen Verletzungen am Penis, wie es in der Dissertation von Frau Kollegin Isernhagen dargestellt wird, ist erschreckend hoch. Mit einer so großen Anzahl hatte auch ich nicht gerechnet. Dieses Ergebnis stellt ein weiteres Argument dafür dar, die beiden anderen schon genannten Alternativen in der Debatte wieder stärker hervorzuheben. Außerdem müsste in der Diskussion berücksichtigt werden, dass die Probleme mit Aggressivität und Penisbeissen möglicherweise dadurch entschärft werden könnten und müssten, dass die Tiere – so wie in Großbritannien – früher geschlachtet werden.

aho: Seit drei Jahren wird über Penisbeißen berichtet. Warum hat das Phänomen keine Resonanz bei den Tierschützern gefunden? Das Schwänzecoupieren bei Saugferkeln war sogar Thema im Niedersächsischen Landtag. Passte das Penisbeißen nicht zum vehement vorgetragenen Wunsch nach einem raschen Kastrationsausstieg?

Jäger: Meines Erachtens sollten diese beiden Themenbereiche, also das Schwänzekupieren bei Saugferkeln und die Ablösung der betäubungslosen chirurgischen Kastration, nicht miteinander vermischt werden. Beim Kupieren der Ferkelschwänze ist eklatant, dass hier die Tiere an die Haltungsbedingungen angepasst werden. Eine Vorgehensweise, die in den letzten Jahrzehnten extrem um sich gegriffen hat. Die Kastration ist dagegen ein seit sehr vielen Generationen praktizierter Eingriff, der selbstverständlich dem aktuellen Wissensstand entsprechend durchgeführt werden muss. Ziel ist aber weniger, die Tiere an das Haltungssystem anzupassen, sondern ihre Nutzung als Lebensmittel zu ermöglichen. Diese andere Zielsetzung legitimiert selbstverständlich nicht, dass insuffiziente Methoden aus vorwiegend wirtschaftlichen Gründen eingesetzt werden.

aho: Welche Lösungen schlagen Sie vor?

Jäger: Wie bereits erwähnt, halte ich die immunologische Kastration für den Königsweg. Die Impfung gegen den Ebergeruch ist eine veterinärmedizinisch sehr interessante Methode, die zudem längst zugelassen ist und in vielen Ländern nahezu flächendeckend eingesetzt wird. Es wird immer wieder vorgetragen oder eigentlich vorgeschoben, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher angeblich dieses Verfahren nicht akzeptieren würden. Die Realität in anderen Mitgliedsstaaten der EU und weltweit spricht allerdings gegen diese Darstellung. Hier sehe ich den größten und dringendsten Nachholbedarf. Möglicherweise ist es gar nicht erforderlich, alle Details des Verfahrens zu erklären, sondern schlicht auf die Zulassung der Impfung und die guten Erfahrungen in anderen Regionen hinzuweisen.

aho: Tatsächlich ist Improvac ein immunologisches Arzneimittel, welches sowohl für die Indikation Ebergeruch als auch Eberverhalten zugelassen ist. Nur verweigern die Schlachtunternehmen so geschützte Tiere. Kann man das Gewinnstreben der Unternehmen gegen den Tierschutz aufrechnen?

Jäger: Rein wirtschaftliche Erwägungen dürfen bei der Lösung tierschutzrelevanter Fragestellungen nie allein ausschlaggebend sein. Aber wenn Sie mich schon auf die Wirtschaftlichkeit ansprechen, möchte ich einen weiteren Aspekt in der Diskussion forcieren:
Flächendeckende Ebermast würde dazu führen, dass die Preise für weibliche Ferkel und Schlachtschweine tendenziell nach oben und die für die männlichen Tiere nach unten gehen werden. Tendenzen dieser Art sind bereits zu beobachten. Eine Marktspaltung stellt allerdings per se ein Tierschutzproblem dar. Im krassesten Fall würde man die weniger wertvollen männlichen Tiere möglicherweise exportieren und die weiblichen im Land großziehen. Ähnliche, zurecht heftig kritisierte Entwicklungen gab es bereits bei Legehühnern und inzwischen auch bei den Kälbern. An dieser Stelle möchte ich ganz klar Position beziehen: Es gibt eine weltweit etablierte, bestens erprobte Alternative zur betäubungslosen chirurgischen Ferkelkastration. Ich habe von Anfang an nicht verstanden, weshalb es eine zusätzliche Berichterstattung über den Entwicklungsstand der Alternativen vor dem Ende der betäubungslosen chirurgischen Ferkelkastration geben soll, die auch noch damit begründet wurde, dass man dann erst abschätzen könne, ob geeignete Alternativen existieren. Die Lösung liegt auf der Hand und ist längst marktreif.

aho: Halten Sie es für möglich, dass der gesetzlich fixierte Kastrationsausstieg verschoben wird? Wäre das rechtlich und vor dem Hintergrund des fast europaweitem Ferkelhandels überhaupt möglich?

Jäger: Denkbar ist leider so ziemlich alles. Mit dem eben erwähnten Bericht hat die Bundesregierung in den Übergangsbestimmungen zum Tierschutzgesetz ja gewissermaßen vorgesorgt, um eventuell eine Verschiebung begründen zu können. Fachlich hielte ich eine solche Verschiebung aber für absolut ungerechtfertigt. Und meine Sorge im Hinblick auf eine Marktspaltung bei den Schweinen trage ich schon seit mehreren Jahren vor.

aho:
Vielen Dank für das Gespräch!

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