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Alarmismus um ESBL-Keime: „Wählt uns, wir schützen Euch!“

Haehnchengrill_01[Hitze tötet auch resistente Keime] Berlin/Hamburg (aho) – Kaum eine Woche vergeht, in der nicht in den Medien eine tödliche Gefahr durch resistente Keime wie ESBL-Bakterien* in und auf Fleisch heraufbeschworen wird. Aktuell berichtet der Spiegel, dass sich auf frischem Hähnchenfleisch aus dem Einzelhandel sehr häufig multiresistente Keime finden lassen. 95 von 144 im Jahr 2013 getestete Fleischproben waren mit ESBL-Keimen belastet, wie das Magazin unter Berufung auf eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen berichtete. Das Ergebnis spiegele ein „ernstes Problem“ wider, sagte der Bio-Landwirt Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag dem Spiegel. Das Zubereiten von frischem Hähnchenfleisch müsse unter „höchsten Sicherheitsaspekten“ geschehen.
Ostendorff kritisierte laut Spiegel einerseits die Erzeugerbetriebe und deren starken Einsatz von Antibiotika in der Aufzucht, anderseits die großen Schlachthöfe. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Geflügelfleisch nach der Schlachtung stärker mit Keimen belastet sei als vorher. In Aufzucht und Schlachtung brauche es „viel mehr Sensibilität“ für das Thema, sagte Ostendorff. Die Branche müsse sich „mehr Gedanken machen“.

Kernfragen nicht beantwortet

Unbeantwortet bleibt hierbei die Frage, ob die beim Geflügel gefundenen ESBL-Keime für den Verbraucher überhaupt relevant sind.

Wie Humanmediziner des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf in der Fachzeitschrift „International Journal of Medical Microbiology“ berichten, unterscheiden sich ESBL-Keime (E. coli) von Geflügelfleisch aus der Region Hamburg deutlich von solchen ESBLs, die die Autoren aus Stuhlproben von Patienten des Klinikums isolieren konnten.
Die Keime zeigten deutliche Unterschiede sowohl beim genetischen Fingerabdruck als auch bei den Resistenzmustern. Zudem waren die Humankeime deutlich häufiger gegen Reserveantibiotika (Fluorchinolone), Aminoglykoside und Trimethoprim-Sulfamethoxazol resistent als Keime von Geflügelfleisch. Die Wissenschaftler folgern, dass ESBL-Keime von Geflügelfleisch für die Besiedlung von Menschen keine Rolle spielen (1).

Die Studie bestätigt die Ergebnisse anderer Wissenschaftler aus den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland (4). Auch diese verglichen die Ähnlichkeiten von ESBL- Keimen von Mensch und Tier. Dabei fanden sich beim Vergleich des Erbgutes große Unterschiede. Nur 1,2% der verglichenen Coli-Bakterien von Mensch und Tier zeigten eine Ähnlichkeit von 70%. Kein resistenter Tierkeim war mit einem resistenten Keim vom Menschen tatsächlich identisch.
Die Wissenschaftler empfehlen, die Übertragung von ESBL-Keimen von Mensch zu Mensch zu reduzieren.

Von vergleichbaren Ergebnissen berichteten Humanmediziner des „Universitair Medisch Centrum“ (UMC) in Utrecht anlässlich eines Kongresses in Berlin. Für ihre Untersuchungen hatten sie das Erbgut von ESBL-Keimen beim Menschen mit denen beim Geflügel verglichen. Auch hier waren die ESBL-Keime nicht identisch (5). Dänische Wissenschaftler machten ähnliche Beobachtungen bei ESBLs auf Geflügel-, Rind- und Schweinefleisch (14).

Sind Vegetarier im Vorteil?

Sollte Fleisch eine herausragende Rolle bei der Besiedlung von Menschen mit resistenten ESBLs sein, dann müssten Vegetarier deutlich seltener betroffen ein. Diese Vermutung konnten Mediziner der Charité-Universitätsmedizin in Berlin nicht bestätigen. Sie fanden bei Stuhluntersuchungen von Vegetariern und Fleischessern keine Unterschiede bei der Besiedlung mit ESBLs (3). Dieser Befund korrespondiert mit einer Reihe von Studien, die belegen, dass Vegetarier mehr resistente Keime in ihren Eingeweiden beherbergen als Fleischesser (Gemischtköstler) (6-8). Es ist in der Fachliteratur dokumentiert, dass ESBLs auch auf Kräutern (9) und Gemüse (10) vorkommen. Da Gemüse und Kräuter in der Küche und als Naturheilmittel häufig roh verzehrt werden, sehen die Experten hier einen Eintragpfad von resistenten Keimen zum Menschen. Geflügel und anderes Fleisch hingegen wird regelmäßig vor dem Verzehr erhitzt (gebraten, gegrillt, gekocht), sodass alle Keime abgetötet werden. Ausnahmen bilden Tatar, Schweinemett und Rohwürste, die durch die Verwendung von Nitritpökelsalz stabilisiert werden.

Fazit

Die Einlassungen grüner Politiker entlarven sich im Lichte nüchterner Wissenschaft wieder einmal als Alarmismus und Teil einer Angstindustrie, die um Wählerstimmen und Spenden buhlt: „Wählt uns, wir schützen Euch!“

* ESBL steht für „extended-spectrum beta-lactamases“ und bezeichnet Enzyme, die ein breites Spektrum von Beta-Laktam-Antibiotika unwirksam machen.

Literatur

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High prevalence of extended-spectrum-β-lactamase-producing Enterobacteriaceae in organic and conventional retail chicken meat, Germany
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Whole genome sequence-based epidemiological analysis of ESBL-producing Escherichia coli.
23nd European Congress of Clinical Microbiology and Infectious Diseases (23nd ECCMID)
27 – 30 April 2013, Berlin, Germany.

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Human studies to measure the effekt of antibiotic residues;
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Predictors of Antimicrobial-Resistant Escherichia coli in the Feces of Vegetarians and Newly Hospitalized Adults in Minnesota and Wisconsin
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Prevalence of ESBL-producing Enterobacteriaceae in raw vegetables.
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Characteristics of Extended-Spectrum β-Lactamase- and Carbapenemase-Producing Enterobacteriaceae Isolates from Rivers and Lakes in Switzerland
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Front. Microbiol., 22 March 2012 | doi: 10.3389/fmicb.2012.00106 (online)

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Is Fecal Carriage of Extended-Spectrum- -Lactamase-Producing Escherichia coli in Urban Rats a Risk for Public Health?
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(15) Hamburger Senat
Antwort des Hamburger Senats auf eine schriftliche Kleine Anfrage der Abgeordneten Heidrun Schmitt (GRÜNE) vom 21.05.2014 – Drucksache 20/11902
Betr.: Antibiotikaresistente Keime in Fleisch- und Fleischprodukten; 27. Mai 2014

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Health care workers‘ mobile phones: a potential cause of microbial cross-contamination between hospitals and community.
J Occup Environ Hyg. 2012;9(9):538-42. doi: 10.1080/15459624.2012.697419.

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Faecal carriage of extended-spectrum β-lactamase-producing enterobacteria among soldiers at admission in a French military hospital after aeromedical evacuation from overseas.
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