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Ein Musterbeispiel eindimensionalen Denkens

LeopoldGoetze(LG) – Gedanken zum Positionspapier „Antibiotika-Reduktionsstrategie weiterentwickeln“ der Arbeitsgruppe Landwirtschaft, ErnĂ€hrung und Verbraucherschutz der SPD-Bundestagsfraktion vom 29. Juni 2015, welches dem Verfasser vorliegt.

von Dr. Leopold Goetze, Apen

Das wirkliche Perfide am von der Arbeitsgruppe Landwirtschaft, ErnĂ€hrung und Verbraucherschutz der SPD-Bundestagsfraktion verfassten Positionspapier „Antibiotika-Reduktionsstrategie weiterentwickeln“ ist die Tatsache, dass sich hinter den dort vorgestellten Thesen mit MdB Dr. med. vet. Wilhelm Priesmeier und MdB Dr. med. vet. Karin Thissen federfĂŒhrend zwei der wenigen in den Bundestag gewĂ€hlten TierĂ€rzte verbergen, also Fachleute, denen die komplexen ZusammenhĂ€nge der bakteriellen Resistenz klar sein sollten und die sich gleichermaßen der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Tiere, der Gesundheit des Menschen sowie dem eignen Berufsstand verpflichtet fĂŒhlen sollten.

Statt dessen werden in diesem politischen Pamphlet Formulierungen verwendet, die man ansonsten von politischen Gruppierungen anderer Couleur oder einschlĂ€gig bekannten, schlecht recherchierten Dokumentationen aus Fernsehen und Presse kennt. Hier wie dort wird dem in der Politik verbreiteten Prinzip gehuldigt, möglichst plakativ verschiedene Gefahrenszenarios zu vermengen, um weitergehende Forderungen durchzusetzen ohne dabei wirkliche, das heißt nachhaltige Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen oder gar eine AbschĂ€tzung des Risikos fĂŒr den Verbraucher vorzunehmen.

Beispiele solcher eindimensionalen Bilder aus dem vorgelegten Text sind:

  • der angeblich direkter Zusammenhang zwischen bakterieller Resistenz beim Menschen, Zitat: „Gleichwohl ist laut Bundesinstitut fĂŒr Risikobewertung (BfR) davon auszugehen, dass der Einsatz von Antibiotika in der Tierproduktion insbesondere zur Ausbreitung von resistenten Keimen beitrĂ€gt“,
  • der Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft und der GrĂ¶ĂŸe der TierbestĂ€nde. Zitat „Je grĂ¶ĂŸer die Tierzahl, desto grĂ¶ĂŸer ist die Infektionsgefahr. Diese epidemiologischen Auswirkungen gelten sowohl fĂŒr den Bestand auf einem landwirtschaftlichen Betrieb als auch fĂŒr die gesamte Viehdichte innerhalb einer Region“,
  • der angebliche prophylaktische Einsatz von Antibiotika (1). Zitat: „Mit Sorge beobachten wir, dass in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung durch Managementfehler und ĂŒberzogenes Sicherheitsdenken Antibiotika nicht nur zur Behandlung von bakteriellen Erkrankungen, sondern viel zu oft gewissermaßen „prophylaktisch“ eingesetzt werden“,
  • der Drang der Pharma-Industrie zur Profitsteigerung. Zitat: „TierĂ€rzte sind im Sinne der „One-Health“-Initiative dem Wohl von Mensch und Tier verpflichtet und nicht der Profitsteigerung der Pharma-Industrie“,
  • und die Fleischpreise im Einzelhandel. Zitat: „Wir leben im Zeitalter des NahrungsĂŒberflusses. Menschen aus allen Einkommensschichten sind in der Lage sich ausgewogen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. In Deutschland gibt es im Frischfleisch-Bereich immer noch kein mittelpreisiges Marktsegment“.

Auch mit der Wiederholung solcher VorwĂŒrfe erhöht sich deren Wahrheitsgehalt nicht. Man kann der SPD-Fraktion nur nahelegen, das umfangreiche Wissen und die Kompetenz erstrangiger Bundesinstitutionen wie BVL, BfR und FLI fĂŒr die Vorbereitung ihrer programmatischen Äußerungen zu nutzen, damit nicht die Ergebnisse aus Jahren relevanter, vom Steuerzahler finanzierter Forschung und wissenschaftlicher Diskussionen vergeudet erscheinen. Vor allem darf auf keinen Fall die Chance verpasst werden, jetzt und hier den Weg freizumachen fĂŒr Innovationen auf dem Gebiet der Antibiotika fĂŒr Tiere. Diese Forderung fehlt in dem Katalog der SPD völlig.

Es wĂŒrde zu weit fĂŒhren, die Vielzahl von FehlschlĂŒssen und IrrtĂŒmern im Positionspapier der SPD-Bundestagsfraktion aufzulisten und klarzustellen. Beispielhaft sei an dieser Stelle aber die Forderung nach einer Reduktion des Antibiotika Einsatzes beim Nutztier um 50 % genannt; Zitat: „Erforderlich ist es eine eindeutige Zielvorgabe festzuschreiben, an denen sich Landwirte und TierĂ€rzte orientieren mĂŒssen. Wir setzen uns dafĂŒr ein, dass der Antibiotika-Verbrauch in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung bis 2020 um mindestens 50 Prozent reduziert wird“. Offensichtlich ist selbst den TierĂ€rzten Priesmeier und Thissen noch immer nicht die Bedeutung von Hund und Katze im Resistenz-Geschehen bewusst, die zwar als Folge ihres geringeren Gewichtes in absoluten Zahlen weniger antibiotischen Wirkstoff benötigen, die jedoch auf Grund des engen rĂ€umlichen Kontaktes im Zusammenleben mit dem Menschen und dem damit verbundenen Austausch auch resistenter Bakterien ein nicht zu unterschĂ€tzendes Risiko darstellen. DarĂŒber hinaus sollte der SPD nicht entgangen sein, warum in die letzte, vom Bundestag vor zwei Jahren beschlossene Änderung der Arzneimittelgesetzgebung keine prozentualen Reduktionsvorgaben eingegangen sind: aus GrĂŒnden des Tierschutzes, der Tiergesundheit und damit auch des Verbraucherschutzes. Die jetzt angewendeten Maßnahmen, wie sinnvoll sie auch immer sein mögen, gehen im Prinzip sogar sehr viel weiter, denn sie haben keine vorgefertigte BeschrĂ€nkung auf lediglich 50 % der Menge des Vorjahres. Allerdings wurde mit der in diesem Gesetz vorgeschriebenen Verfahrensweise der Minimierung gewĂ€hrleistet, dass keinem Tier eine fĂŒr seine Gesundheit und sein Wohlbefinden, d. h. unter anderem fĂŒr das Freisein von Angst und Schmerzen notwendige antibiotische Behandlung vorenthalten wird.
Eine solche Notwendigkeit findet man auch bei metaphylaktischen und „prophylaktischen“ Gaben, von denen der Tierarzt Priesmeier in einer Fußnote des Positionspapiers behauptet man könne sie nicht auseinander halten. Zitat: „Diese sogenannte Metaphylaxe bezeichnet die Behandlung von noch nicht klinisch erkrankten Tieren. Die Abgrenzung zur â€žĂŒberflĂŒssigen“ Behandlung, weil die Tiere möglicherweise gar nicht erkranken wĂŒrden, ist nicht möglich“. Hier muss der Tierarzt in der Praxis sehr viel differenzierter denken, wenn er nicht schweres Leiden und den ĂŒberflĂŒssigen Tod eines mit einem hochvirulenten Streptococcus suis infizierten Ferkels oder von mit toxinbildenden Kolibakterien oder Clostridien infizierten Tieren in Kauf nehmen will. Politische Grundsatzdiskussionen und Vorschriften helfen bei solchen Fragen weder dem Patienten noch tragen sie zur Lösung der Resistenzproblematik bei.

Nicht neu, aber in ihrer repressiven Logik dennoch ĂŒberraschend sind die Drohszenarien, die fĂŒr praktizierende und amtliche TierĂ€rzte aufgebaut werden. So erwarten die SPD-TierĂ€rzte MdB Priesmeier und MdB Karin Thissen vom nĂ€chsten TierĂ€rztetag im Oktober einen berufsstĂ€ndischen Kodex, der den Einsatz der Antibiotika regelt – andernfalls halten Sie mit den möglichen Entzug des tierĂ€rztlichen Dispensierrechts fĂŒr angebracht und nehmen damit unter anderem eine EinschrĂ€nkung der optimalen Versorgung kranker Tiere im lĂ€ndlichen Bereich in Kauf. Zitat: „Deshalb sollten berufsstĂ€ndische Ethikregeln weiterentwickelt werden. Gelingt dies der TierĂ€rzteschaft nicht, ist sich vorzubehalten auch das tierĂ€rztliche Dispensierrecht zu reformieren“.

Den AmtstierĂ€rzten wird sogar unverhohlen eine VerschĂ€rfung des Disziplinarrechtes in Aussicht gestellt, wenn sie sich nicht mehr anstrengen – von Priesmeier und Thissen vornehm als „Vollzugsdefizit“ bezeichnet. Zitat: „Die Vollzugsdefizite werden sich bei Amts- und amtlichen TierĂ€rzten nur reduzieren lassen, wenn außerdem arbeitsrechtliche Regelungen und disziplinarrechtliche Maßnahmen durchgesetzt werden“.

Wirklich widersinnig ist die mehrfache negative Anspielung auf die Tatsache, dass mit dem Handel von Antibiotika Geld verdient wird: offensichtlich ist der SPD völlig entgangen, dass einer der wichtigsten GrĂŒnde fĂŒr das Fehlen neuer antibakterieller Wirkstoffe in der Humanmedizin im Fehlen eines wirtschaftlichen Anreizes fĂŒr forschende Pharmafirmen begrĂŒndet liegt.

Insgesamt stellt sich die Frage: Was will die SPD hier weiterentwickeln – abgesehen vielleicht von der eigenen Kompetenz? Im Moment liegen noch nicht einmal die Ergebnisse der bisher eingeleiteten staatlichen Maßnahmen (Antibiotika-Monitoring) zur Bewertung vor.

(1) Anmerkung des Verfassers:

Es wird gelegentlich behauptet, dass ein „prophylaktischer Einsatz von Antibiotika“ gesetzlich verboten sei. Ein Blick ins Gesetz erleichtert auch hier die Rechtsfindung:
Im Arzneimittelgesetz: „§ 43 Apothekenpflicht, Inverkehrbringen durch TierĂ€rzte“ ist zu lesen
(4) Arzneimittel im Sinne des § 2 Abs. 1 oder Abs. 2 Nr. 1 dĂŒrfen ferner im Rahmen des Betriebes einer tierĂ€rztlichen Hausapotheke durch TierĂ€rzte an Halter der von ihnen behandelten Tiere abgegeben und zu diesem Zweck vorrĂ€tig gehalten werden. Dies gilt auch fĂŒr die Abgabe von Arzneimitteln zur DurchfĂŒhrung tierĂ€rztlich gebotener und tierĂ€rztlich kontrollierter krankheitsvorbeugender Maßnahmen bei Tieren, 
.
Krankheitsvorbeugende Maßnahmen werden gewöhnlich umgangssprachlich als „Prophylaxe“, bzw. „prophylaktisch“ bezeichnet.

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7 Comments, Comment or Ping

  1. Sabine Leopold

    Ich hÀtte mir gern (aus eigener journalistischer Sorgfalt heraus) das Original-Positionspapier angesehen, finde dazu aber nichts. Ist das wirklich schon vom 27. Juni oder vielleicht erst von heute?

  2. Dr. Kirsten Tönnies

    Es gibt außer Antibiotika tatsĂ€chlich auch noch andere Medikamente, die im Sinne einer Prophylaxe gegeben werden können: schade, dass das dem Tierarzt hier nicht bewusst zu sein scheint…. Außerdem kann ich nichts in den zitierten SĂ€tzen des Positionspapiers entdecken, was nicht schlĂŒssig wĂ€re.Gute Arbeit der beiden TierĂ€rztInne der SPD!

    Das wahre Problem sind und bleiben die Haltungsbedingungen …

    MfG

    Kirsten Tönnies

  3. Dr. Birgit Wellmann-Pichler

    Es stellt sich die Frage, wer hier wem mangelnde Fachkenntnis unterstellen kann. Dass Herr Götze die Public Affairs Abteilung eines großen veterinĂ€rmedizinisch tĂ€tigen Pharmakonzerns leitet qualifiziert ihn nicht unbedingt zu einer fachmĂ€nnischen Aussage.

    Beste GrĂŒĂŸe

    Birgit Wellmann-Pichler

  4. manfred.stein

    Werte Frau Birgit Wellmann-Pichler,

    leider sind Sie nicht aktuell informiert. Herr Dr. Goetze ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr fĂŒr das Unternehmen tĂ€tig.

    Hoffe gedient zu haben.

    Manfred Stein

  5. Dr. Birgit Wellmann-Pichler

    Sehr geehrter Herr Stein,

    danke fĂŒr den Hinweis. Die veterinĂ€rmed. FakultĂ€t MĂŒnchen hat hierĂŒber wohl noch keine Kenntnis? http://www.vetmed.uni-muenchen.de/personen/facbeiratsmitglieder/eopold_g__tze/index.html

    Inzwischen ist er Inhaber eines Consulting-Unternehmens. Dies Ă€ndert nichts an der zugrunde liegenden Infragestellung seiner Sachkenntnis. Ich frage mich grundsĂ€tzlich, warum solche Texte – die eher wenig zu einer fundierten Auseinandersetzung mit dem Thema beitragen – veröffentlicht werden. Warum fragt man nicht Personen um eine Stellungnahme, die sich mit bakteriellen Resistenzen auskennen, z.B. Wolfgang Witte vom Robert-Koch-Institut?

    Schöne GrĂŒĂŸe
    BWP

  6. manfred.stein

    Guten Tag Frau BWP,

    tragen Sie doch mal etwas substantielles zur Diskussion bei. Bisher lancieren Sie hier nur persönliche Angriffe gegen Herrn Goetze und zweifeln seine Kompetenz an. Wie können Sie die fachliche Kompetenz von Herrn Goetze beurteilen? Da kommen nur nebulöse Formulierungen “ der zugrunde liegenden Infragestellung seiner Sachkenntnis“. Wie sieht es mit Ihrer Sachkenntnis aus?
    Gute Nacht!

    ms

  7. Jan Meyer

    Dieses Positionspapier soll doch nur ĂŒberdecken, daß die SPD in Wirklichkeit keine eigene Landwirtschaftspolitik betreibt und den lĂ€ndlichen Raum sofort in Koalitionen als GrĂŒnenspielwiese opfert.

Reply to “Ein Musterbeispiel eindimensionalen Denkens”

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